Fantastische Tiefen, natürliche Wunder

17. Oktober 2001 22:52

Die Arbeiten des Filmpioniers Jean Painlevé

Das Kino fantasierte schon immer von scheinbar unerreichbaren Orten. In Georges Méliès' Deux cent mille lieues sous les mers ou le cauchemar d'un pecheur (1907) träumt sich ein Fischer auf den Meeresgrund, um die Tiefe des Ozeans als wunderliche Welt zu erleben, bevölkert mit nie gesehenen Gestalten und Kreaturen. Unglaubliche Geschöpfe tummelten sich da - und dienten lange als Beweis für eine fantastische Richtung des Kinos, die der vorgeblich realistischen der Brüder Lumière entgegenstehe.

Hätten die Arbeiten des französischen Filmpioniers Jean Painlevé eine stärkere filmkritische Rezeption erfahren, so hätte sich diese Trennung vermutlich nicht so lange aufrecht erhalten lassen. Beweisen die Filme Painlevés doch auf eindrückliche Weise, dass die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit dazu da sind, verwischt zu werden.

Es sind in erster Linie Unterwasserfilme, entstanden seit Ende der 20er- bis herauf in die 70er-Jahre, jeweils kaum länger als zehn Minuten, in denen sich Painlevé seinem marinen Forschungsgegenstand passender Weise so gar nicht trocken nähert: Gespensterkrabben, Oktopusse, Felsgarnelen oder Borstenwürmer werden mit akribischer Genauigkeit und dennoch als Erlebnis-Kino betrachtet. Das Ergebnis: Wundersame Unterwasserwelten, über deren Anziehung Painlevé genau Bescheid weiß.

Die Spannung, die sich etwa bei der Beobachtung von Kugelschnecken einstellt, resultiert nicht zuletzt aus Painlevés inszenierten Eingriffen in das "Wunder Natur". Und so kann es schon passieren, dass in einer Doppelbelichtung hinter Seepferdchen plötzlich Rennpferde galoppieren oder in einer Dokumentation über Fledermäuse Max Schreck als Murnaus Nosferatu durchs Bild wandert.

Der Meeresgrund wird bei Painlevé zur Bühne, die sich selbst genügt, vor deren schwarzem Vorhang sich bunte Schalentiere tänzerisch fortbewegen und Seeigel dreist genug sind, sich am Ende spielerisch und wie selbstverständlich zu einem großen "FIN" zu formieren.

Dass Painlevé seine Arbeit trotz des immensen Aufwandes, den die Aufnahmen zum Teil erforderten, selbst immer mit ironischem Blick betrachten konnte, beweisen nicht nur derartige Brechungen des so genannten "wissenschaftlichen Films", sondern auch der Einsatz der Musik: Von Chopin über Duke Ellington bis Darius Milhaud und Eigenkompositionen reicht hier die Palette, und dieser verspielt lustvolle Umgang ist es auch, der Jean Painlevé als Grenzgänger festschreibt: zwischen Realität und Fiktion, im Reich der faszinierenden Wirklichkeit.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 10. 2001)

 Von
 Michael Pekler


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