Der Dämon des Moduls

29. Oktober 2001 01:02

"Photographie und jenseits" von Heinz Emigholz: Gigantisches kündigt sich an

Ein gigantisches filmisches Essay über Form, Wahrnehmung und Leben kündigt sich in den ersten Teilen von Heinz Emigholz' "Photographie und jenseits" an. Die "Viennale" bedenkt den deutschen Künstler mit einer Spezialreihe.


Nach rund zehn Jahren ohne Filmveröffentlichung - Bücher gab es, Zeichnungen und Ausstellungen - taucht der deutsche Künstler Heinz Emigholz wieder mit neuen Filmen auf: Teile, Module eines gigantischen Projekts, einer kinematographischen Revision/Reflexion "über die Projektionskünste Zeichnung, Schrift und Architektur" namens Photographie und jenseits. Eine erste Welle erreicht nun die Viennale, bereichert um Emigholz' bislang letzten Spielfilm, Der Zynische Körper (1990).

Photographie und jenseits - eine knarrend direkte Übersetzung des englischen "Photography and beyond" - soll am Ende aus 25 Filmen mit projektierten Laufzeiten zwischen zwölf und 90 Minuten bestehen. Nun stellt sich bei so einem Monument die Frage: Wie und wann kam es überhaupt zu diesem Plan - speziell, wo dessen nun offiziell erster Teil, The Basis of Make-Up I (1974/83) schon vor 18 Jahren vollendet wurde?

Eine gewisse Rolle dürften die Probleme gespielt haben, die Emigholz mit der immer noch geplanten Cinetransformation von Hans Henny Jahnns Mammutfragment Der Fluss ohne Ufer hatte. Während er über diesem Projekt brütete, hat er, scheint's, ständig reisend weiter gefilmt, gesammelt - so wie er beständig seine Zeichenserie Die Basis des Make-Up um immer neue Versionen ergänzt. Es schien ab einem bestimmten Punkt wohl sinnvoll, dieses Ineinander in ein Essay über Form, Formgebung und Leben, Wahrnehmung wie -werdung zu transformieren.

Das Rückgrat von Photographie und jenseits bilden zehn monographische Studien zu Architekten, von denen bislang Sullivans Banken und Maillarts Brücken vollendet wurden. Vom Aufbau sind sie identisch - was Schlüsse auf die Gestalt der kommenden Filme zulässt: Die jeweiligen Bauwerke werden unkommentiert aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, wobei kein Anspruch auf totale Erfassung erhoben wird.

Emigholz lässt sich einerseits auf die individuellen Gebäude, ihre Eigenarten wie spezifischen Spannungen ein, komponiert dabei aber auch gleichzeitig durch intelligent gewählte Ellipsen, Andeutungen einen Gesamteindruck der Kunst des jeweiligen Architekten, welche Emigholz als eine Art Autobiographie begreift. In den Banken Sullivans wird ein hell leuchtender Glaube, eine an Frank Capras Filme erinnernde Philosophie sichtbar. Bei den Stahlbeton-Dachkonstruktionen und -brücken Robert Maillarts eher eine Entwicklung, ein Weg: von innen nach außen, vom Komplexen zum Simplen, vom Dekorativen zum Harmonischen, auch Gedrückten, akzentuiert von winterlich-indifferentem Licht.

Die Basis des Make-Up und die Miscellanea-Filme hingegen sind Konvolute, die eher wie Bandscheiben und Sehnen funktionieren. Zumindest ist es für die Wahrnehmung der Filme im Photographie und jenseits-Fluss sinnvoll, zwischen den Monographien diese filmisch völlig anders wirkenden, tempo- und assoziationsgeladenen Magazine zu programmieren.

Die Basis des Make-Up-Teile zeigen - Seite für Seite schnittig durchgeblättert - Collagen-Skizzenbücher zu Emigholz' Spielfilmen und kurzen, dokumentarischen Filmmomenten. Was zu einem eigenständigen Gedankenraum wird: zum Schatten des Filmschaffens, der seine eigene Schönheit hat.

Die Miscellanea-Filme schließlich bestehen, wie der Titel ahnen lässt, aus vereinzelten Aufnahmen aller Art: feine Reste, tagebuchgleich, ein weiterer Gedankenraum, so etwas wie Leben, das zwischen den Werken wuchert.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 10. 2001)

 Von
 Olaf Möller


"Der Zynische Körper", "Photographie und jenseits 1":

28.10., 18.00
Metro

"Photographie und jenseits Teile 2, 3":

29.10., 18.00
Metro

"Photographie und jenseits Teile 4-6":

30.10., 18.00
Metro
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