Zum Beispiel ein Picknick im Central Park

18. Oktober 2001, 00:23
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    Der King läßt in "Elvis", Jonas Mekas' Viennale-Trailer, die Hüften zu Johann Strauß kreisen

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    "Wien und Mozart", der zweite Trailer

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    Ausschnitte aus einem Monumentalfilm der Privatheit:
    Jonas Mekas sucht in "As I Was Moving Forward Occasionally I Saw Brief Moments of Beauty" nach Glück

    20.10., 18.00
    Metro

    21.10., 12.30
    Künstlerhaus

Von Jonas Mekas stammen beide Trailer und ein filmisches Vermächtnis

Jonas Mekas fertigte gleich zwei "Viennale"-Trailer an und legt ein filmisches Vermächtnis vor: "As I Was Moving Forward Occasionally I Saw Brief Glimpses of Beauty".


Neulich in einem Wiener Innenstadtkino, die Werbung vor dem Hauptfilm läuft, da flimmern und flackern verwaschene nächtliche Stadtbilder über die Leinwand, dann wird es Tag, eine Frau steht am Trottoir, die Donau fließt durch grelles Weiß, davor oder danach sieht man Getreide, und über allem liegt Musik.

"Eh kloar!", sagt der unbekannte Sitznachbar erleichtert und ein wenig verächtlich, als nach dem Copyright das Viennale-Logo auftaucht. Eh kloar, das war einer der beiden Viennale-Trailer von Jonas Mekas, Wien und Mozart, und der Teufel will es, dass man nie den anderen erwischt, jenen, in dem Elvis Presley ekstatisch zu einem Walzer tanzt.

Dass es heuer zwei Trailer gibt, ist ein Novum, weil Mekas, von Direktor Hans Hurch befragt, ob er den Einminüter mit freier Themenwahl anfertigen wolle, ganz einfach zwei geschickt hat, mit der Anmerkung, man möge sich einen aussuchen. Zwischen zwei Mekas wählt man natürlich nicht, man nimmt beide, zumal der mittlerweile fast 80-jährige Filmemacher hinzugefügt hat, dass es das erste Mal sei, dass er einen Film nach Auftrag (und mit Bezahlung) herstelle.

Das ist keineswegs kokett formuliert, vielmehr wahr, wenngleich die beiden Trailer - wie wohl alles, was Mekas je gedreht hat - aus seinem Leben stammen, gefilmt (und meist auch geschnitten) mit einer Bolex-16mm-Kamera. Er ist ein Dokumentarist der Privatheit, der flüchtigen Intensitäten, der gelebten Augenblicke. Sein Kino ist Erfahrung der Gegenwart und zugleich Bewusstsein darüber, das alles schon gewesen ist.

Opus Magnum

Natürlich ist Jonas Mekas, der 1922 in Litauen geboren wurde und 1949, nachdem er ein Arbeitslager NS-Deutschlands überlebte, nach New York flüchtete, allgemein als zentrale Figur des "New American Cinema" und Begründer der "Anthology Film Archives" ein Begriff. Nicht allein dieser Hintergrund macht jedoch As I Was Moving Ahead Occasionally I Saw Brief Glimpses of Beauty, sein fast fünfstündiges Opus Magnum, zu einem definitiven Höhepunkt der Viennale.

Denn obwohl viele seiner Weggenossen in diesem Tagebuch, das von den 70er-Jahren bis zur Jahrtausendwende reicht, auftreten, ist es vor allem ein radikal persönlicher Film, eine Revision des Glücks und der Schönheit, in dem das scheinbar Banalste zu höchsten Ehren kommt: Da kann ein Vorhang an einem verschleppten Sonntag ins Bild hineinflattern und Mekas' Frau sich dazu im Bett räkeln; ein Picknick im Grünen zu höchster Euphorie Anlass geben; und dionysische Saufgelage unter Freunden treffen auf Freudengesänge auf den Schnee.

"Nothing happens in this film", heißt es wiederholt in einem Insert, was sich einerseits als Formel gegen lineare Erzählformen des Spielfilms verstehen lässt, zugleich aber auch die Gegenwärtigkeit der spontanen Empfindung anpeilt: "Either you get it now, or you don't get it at all", meinte Mekas einmal, dem Prinzip der Beat-Generation folgend, andernorts. Aus dem Off hört man ihn, den Glücksjäger, am Schnittplatz die Bilder ordnend, oft ins Schwärmen kommen, aber die Stimme wendet sich an den Betrachter, will das Gesehene teilen, vermitteln, weiter geben.

Irgendwann fordert Mekas dann alle diejenigen auf, die "french philosophers" studiert haben, seine Bilder zu lesen. Eine verschmitzte Empfehlung, da sich sein Film auf einer affektiven Ebene mitteilt, einer physischen Sensation gleichkommt. Das ist das eigentliche Mysterium von As I Was Moving Ahead...: dass er das Glück fast schmerzhaft übertragen kann.

Dann heißt es auch immer wieder: "This is a political film." Denn gerade die subjektive Form dieser Chronik eines romantischen Künstlers, diese Erfindung eines alternativen Lebensstils wie eines "anderen" Kinos, diese Ästhetisierung des Daseins richten sich gegen kanonisierte Kinoformen wie auch gegen eine "offizielle" Geschichte, die ganz einfach ausgelassen wird.

Dagegen wird das Leben als Film projiziert, darin liegt die politische Praxis. Insofern kann Mekas von sich sagen, er sei eigentlich kein Filmemacher, kein Regisseur, vielmehr filme er nur: Nichts. Alles.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 10. 2001)

 Von
 Dominik
 Kamalzadeh


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