Eine Form der Erinnerung: Widerstand

08. Oktober 2001 23:56

Claude Lanzmanns "Sobibor, 14 Octobre 1943, 16 heures"

Ein Jahrhundertfilm ist dem französischen Filmemacher Claude Lanzmann ("Pourquoi Israel", "Shoah", "Tsahal") in Fortsetzung seines an Meisterwerken nicht gerade armen Schaffens gelungen: "Sobibor, 14 Octobre 1943, 16 heures".


Befragt auf sein neuneinhalbstündiges Epos Shoah meinte der Claude Lanzmann einmal: "Widerstände waren der Weg, um überhaupt ans Ziel zu gelangen." Und zum Thema "Erinnerung": "Ich verspüre Lust, einen Revolver zu ziehen, wenn ich das Wort höre. Mir scheint, dass man es bei jeder besten Gelegenheit anwendet und überall beimischt. (...) In jedem Fall gibt es heutzutage wahre Exzesse der Erinnerung, die ich absolut unerträglich finde."

Wäre jetzt also, frei nach Rudolf Burger, das Vergessen eine Alternative? Nach der Sichtung von Lanzmanns Filmen - und wir sparen uns hier das untaugliche Etikett "Dokumentation", weil es einfach großartige, genresprengende Filme sind - weiß man: Genau das Gegenteil ist der Fall, weil diese Filme tatsächlich "Widerstände" sind, so wie in der Elektrotechnik, wo Energieflüsse verlangsamt, kanalisiert werden.

Sobibor, 14 octobre 1943, 16 heures verdeutlicht dies auf besonders kompakte Weise. Neben Lanzmanns Epen Pourquoi Israel, Shoah und Tsahal wirken diese 95 Minuten wie eine "Novelle". Oder, weil man sich auch nicht auf das "erzählerische" Element bei Lanzmann festlegen sollte, wie eine ungewöhnlich verdichtete Komposition - die freilich mit hochinteressanten Zerdehnungen arbeitet, die ihrerseits wie "Widerstände" auf ein vom Dreh zu Shoah übrig gebliebenes Interview einwirken.

Der aus Polen stammende und einst im Vernichtungslager Sobibor internierte Jude Yehuda Lerner erzählte darin, wie er am einzigen historisch verbrieften Häftlingsaufstand in einem Nazi-Lager teil nahm und dabei einem deutschen Offizier mit einer Axt den Schädel spaltete.

Das Interview selbst kann man auch als einen Nachtrag zu jüdischem Selbstverteidigungswillen lesen, wie ihn Lanzmann in Tsahal angesichts israelischer Militärs beschrieb. Und formal ist es ziemlich komplex. Fragen und Antworten werden jeweils von einer Dolmetscherin übersetzt, also wiederholt, also bereits in "Lesarten" präsentiert. Weiters hält Lanzmann dem gesprochenen Wort praktisch kein "dokumentarisches" Bild- oder Filmmaterial entgegen.

Stattdessen: Aufnahmen einer Reise zum Bahnhof des Sobibor der Jetztzeit. Gänse, die ein Höllenspektakel veranstalten. Angeblich übertönten solche Vogelherden früher die Verzweiflungsrufe von Menschen, die in die Gaskammer getrieben wurden.

Je näher Lerner in seiner Erzählung dem Totschlag kommt, desto mehr gehen er und Lanzmann ins Detail, quasi in eine erzählerische Zeitlupe, die - man verzeihe die schnelle Assoziation - an vergleichbare Passagen bei Dostojewskij (etwa in Verbrechen und Strafe) erinnert. Diese Verlangsamung mag noch im Wesen der Recherche von Tatbeständen liegen. Lanzmann geht aber weiter.

Schon zu Beginn eröffnet er seinen Film mit einem überproportional langen Lauftext, der die Hintergründe dieses Projekts erklärt, Judentum und Gewaltbereitschaft gegen jede Theorie vom ewigen Opferlamm thematisiert, gleichzeitig aber auch - im Off von Lanzmann gelesen - geschriebene Worte (ein Konzept) in gesprochene, gelebte Komposition überführt.

Ähnlich der Schluss. Endlose Zahlenkolonnen, die für 250.000 in Sobibor vernichtete Leben stehen, rezitiert der Filmemacher mit aller Eintönigkeit, die einem solche Kolonnen förmlich aufzwingen. Aber dahinter, da lauert sie - die Ungeduld und auch Passion, die Lanzmann in jedes seiner Worte, jeden seiner Filme zu legen weiß. Man muss Sobibor nicht lieben, um sagen zu können: In den letzten Jahren war im Kino nur wenig Vergleichbares in dieser epochalen Meisterschaft zu sehen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 10. 2001)

 Von
 Claus Philipp


"Sobibor, 14 Octobre 1943, 16 heures"

24.10., 21.00
Künstlerhaus

25.10., 13.30
Metro
Kommentar posten
Posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.