Die Filmemacher Danièle Huillet und Jean-Marie Straub, dreimal im Programm.
Es hat schon etwas Rührendes, ist aber künstlerisch durchaus angemessen, dass unter der Leitung von Hans Hurch nun scheinbar jedes Jahr ein Film von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub auf der Viennale zu laufen hat - egal, ob es ein neues Werk der beiden zu feiern oder ob es einen Anlass gibt, der nach einem gehaltvollen Statement in kinematographisch adäquater Form verlangt. Dieses Jahr ist beides der Fall: Einmal Operai, Contadini (2001), Straub/Huillets nunmehr zweite auf einem Text Elio Vittorinis basierende Arbeit, und dann noch Antigone (1991) als Kommentar zur aktuellen Lage.
Letzteres wirkt ein bisschen überanstrengt, überflüssig. Was auch immer Hurch an Parallelen zwischen der gegenwärtigen weltpolitischen Situation und der zur Zeit Kreons sieht - Operai, Contadini mit seiner Nachkriegsgeschichte vom Aufbau eines Kollektivs aus Arbeitern und Bauern, die noch vor kurzem Partisanen und faschistische Schergen waren, funktioniert um einiges besser als Ausdruck aktueller Unbedingtheiten: Der Film macht noch einmal all das offenbar, was man im Kreuzfeuer der Rachsucht und der sich plötzlich eröffnenden Möglichkeiten zu verschärften inneren Repressionen leicht vergisst: wie wesentlich die Freiheit zur Utopie, zum Zusammenleben ist.
Straub/Huillets karge Ästhetik verleiht dem ein weiteres Moment der Notwendigkeit. Ähnlich wie bei ihrer letzten Vittorini-Adaption Sicilia! kann man auch bei Operai, Contadini nicht wirklich von einer Verfilmung sprechen. Vielmehr destillieren die Filmemacher aus Vittorinis letztem zu Lebzeiten erschienenen Roman, Le donne di Messina, eine Art von zeugnishaftem Oratorium. Die Zeugen/Chormitglieder/Darsteller - allesamt in simple Alltagsgewänder gekleidet - rezitieren in einem Hain aus dem Gedächtnis oder dem Manuskript heraus die Geschichte des Kollektivs: Das "Ich" löst sich immer mehr von den jeweiligen Personen ab und wird zum Ausdruck von Persönlichkeit per se, von Lebensnotwendigem wie Speis' und Freude.
Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, statt der Antigone die dritte Fassung von Sicilia! zu zeigen: nicht nur, weil die Vittorini-Filme so ein faszinierendes Paar sind, sondern auch, weil man weiters in Pedro Costas Dokumentation Danièle Huillet, Jean-Marie Straub, Cinéastes ein wenig teilhaben darf am Prozess ihrer Entstehung, im Rahmen eines Workshops, den die Filmemacher abhielten. Costas Liebesarbeit ist leider die letzte Sendung der TV-Reihe Cinéma de notre temps.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 10. 2001)
Von
Olaf Möller
"Antigone"
20.10., 15.30
Gartenbau
"Operai, Contadini"
20.10., 20.00
Stadtkino
21.10., 12.30
Stadtkino
"Danièle Huillet, Jean-Marie Straub,
Cinéastes"
30.10., 18.00
Stadtkino
, 31.10., 11.00Metro