Die Geschichte einer Zeit nach Hiroshima

9. Oktober 2001, 01:24

Hartmut Bitomskys "B-52"

Anlässlich des letztjährigen Tributes für den deutschen Filmemacher Hartmut Bitomsky wurde auch eine Work-in-Progress-Fassung seines B-52-Projekts gezeigt. Heuer ist es vollendet zu bewundern. Die B-52 ist ein Symbol für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts: Sie war der erste Langstreckenbomber, der ohne Zwischenstopp - weil in der Luft auftankbar - Ziele auf der ganzen Welt anfliegen konnte, somit die US-Atomstreitmacht im Prinzip unabhängig von Stützpunkten in Übersee machte. Die ersten Pläne für dieses mit einer wahnwitzigen Bandbreite an Waffensystemen bestückbare Ungetüm entstanden 1947.

In ihren ersten Jahren wurde die für den Abwurf von Atombomben aus großen Höhen primär konstruierte B-52 denn auch für stratosphärische Nukleartests eingesetzt - eine Maschine, mit der man über den Dingen schwebte/stand, eine Maschine der Distanz: zwischen Orten wie zu Skrupeln. In den 60ern wurde ein modifizierter Typ entwickelt, der bis zu hundert Meter dicht am Erdboden entlang operieren kann und mit konventionellen Waffen ausgerüstet ist: Nachdem man sich entschlossen hatte, keine Atombomben in Vietnam einzusetzen, wollte und will man bis heute doch mit deren so wandelbaren Trägern Angst und Schrecken verbreiten.

Was man bei all dem oft übersieht: Die B-52 ist gerade wegen ihrer Gewaltigkeit im Gefecht nahezu wehrlos. Sie ist jetzt schon das dienstälteste Flugzeug der zivilen und militärischen Luftfahrtgeschichte: Seit rund fünfzig Jahren ist sie im Wesentlichen unverändert geblieben, bis zu dreißig weitere Jahre stehen ihr vermutlich bevor - was viel über die relative Stabilität der Welt nach Hiroshima besagt, jene Stasis, die vor kurzem erschüttert wurde.

Manche Kritiker haben Schwierigkeiten mit Bitomskys Film: Den meisten ist es schlicht unangenehm, dass er sich - ähnlich wie in manchen Armeefilmen von John Ford - mit dem Krieg, seiner Maschinerie wie deren Ingenieuren und Bedienern eingehend, ernsthaft und unpolemisch beschäftigt. Viele stoßen sich an den Szenen, in denen es um den Zusammenhang zwischen der B-52 und Kunst geht, und alle erfreuen sich an der Sequenz, in der die ausgeschlachteten Flugzeugreste zerfetzt werden. Dabei ist Bitomskys Blick auf die B-52 alles andere als affirmativ.

Und er zeigt etwa bei der schier endlosen Zerstörung der Saurier-gleichen Überreste einer Maschine, wie darin ein ungeheures menschliches Potenzial steckt, das man anders hätte verwerten können. Er zeigt jene Perversion, dass der Abfall der Raumfahrts-und Rüstungsentwicklung dem Zivilleben zufällt, dass das Verhältnis zwischen Produkt und Abfall umgekehrt ist zu dem, wie es gut und einfach nützlich wäre: Er zeigt, dass der Friede der Abfall des Krieges ist. Und er spricht davon, wie Krieg unsere Welt im letzten halben Jahrhundert, in jener famosen Ära des Friedens eigentlich bestimmt hat.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 10. 2001)

 Von
 Olaf Möller


"B 52"

26.10., 13.30
Metro

28.10., 20.30
Stadtkino
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