Auf den Spuren von "Hiroshima, mon amour": "H Sory" von Nobuhiro Suwa mit
Beatrice Dalle
Der japanische Autorenfilmer Nobuhiro Suwa (bekannt geworden mit "M/Other"), ein Dauergast der
"Viennale", zeigt heuer sein bislang wohl gewaltigstes, vielschichtigstes, gefühlsvollstes und aufwühlend
schönstes Werk: "H Story".
Ursprünglich wollte Nobuhiro Suwa eigentlich gemeinsam mit Robert Kramer einen Film über Hiroshima
machen: Suwas Geburtsort, über den er selbst, so sagt er, selten groß nachdenkt: Es sei halt eine
mittelgroße, in ihrer Anonymität aseptische Industriestadt, die jedoch auf Kramer als Symbol für dieses
Jahrhundert eine fast schon obsessive Faszination ausübte.
Kramer starb.
Und Suwa entwickelte die Idee - mit mehr als einem Grundkonzept arbeitet er nie -,
einen Film um Alain Resnais' und Marguerite Duras' Hiroshima mon amour (1959) zu entwickeln:
Wie das wäre, wenn sich ein Japaner eines Stücks europäischer Weltfilmkultur annähme, so wie sich
damals zwei Franzosen eines Stücks japanischer Weltgeschichte annahmen.
So drehte Suwa Szenen aus Hiroshima mon amour mit Beatrice Dalle in der Rolle von
Emmanuelle Riva und Hiroaki Umano in der Rolle von Eiji Okuda, und drehte dabei eine Szene, wie sie
diese Szenen drehen, und dann noch ...

Auf den Spuren von Alain Resnais und Marguerite Duras eigene Wahrheiten und
Fiktionen entdecken: Beatrice Dalle in "H Story"
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Zuerst meint man, sich H Story wie gewissen Früh-70er-Meisterwerken des US-Kinos, Filmen wie
Dennis Hoppers The Last Movie (1971) nähern zu müssen, oder eher noch wie Abel Ferraras
Snake Eyes (1993): als einem Werk über das Verhältnis zwischen Kino und Realität, Vorlage und
Adaption, über die Wahrheit des Kinos und die Fiktionen des Lebens. Wie diese Dinge durcheinander
gehen.
Man geht davon aus, dass die Set-Szenen "echt" sind, fängt an, die geschlagenen Klappen zu lesen,
man denkt, dieses Gespräch zwischen Nobuhiro Suwa und seinem Bekannten, dem Schriftsteller Ko
Machida über die Genese des Projekts sei "authentisch". Aber dann beginnen einem die Brüche
aufzufallen: etwa, wenn plötzlich mit dem Klappenschlag der Ton verschwindet und die Inszenierung
durch die forcierte Stille anders lesbar wird. Oder wenn man beim Klappenlesen merkt, dass es da
Widersprüche gibt, dass also von der Emotionalität der Charaktere wie der Situationen eine Kontinuität
da ist, doch nicht in der zeitlichen Reihenfolge, in der diese Momente laut Klappen entstanden sein
sollen.
Man beginnt zu begreifen, dass die Frage nach Realität und Fiktion so, wie man sie im Allgemeinen
stellt, hier völlig irrelevant ist: weil das alles ein Film ist - mit allen Strategien des modernen Kinos,
aufgehend in dessen Sensibilität, erzählt: Ausgehend von dem Versuch, ein Remake von Hiroshima
mon amour zu drehen, löst sich diese Geschichte langsam von der Geschichte der Dreharbeiten ab,
lässt das Set hinter sich - und einen Regisseur, der den Film abbricht.
Erzählt wird schließlich die Liebesgeschichte zwischen einem Schriftsteller, dargestellt von Ko Machida,
und einer Schauspielerin, dargestellt von Beatrice Dalle, in Hiroshima, das ganz anders aussieht, als
man sich das vorstellt: wie eine durchschnittliche japanische Stadt, mit der man jedoch ein
Jahrhundertereignis assoziiert, an das aber nur Erinnerungsmale als Male gemahnen, doch nichts im
Leben der Menschen.
Und in dieser Stadt erleben nun ein gebrochen Englisch sprechender Japaner und eine kein Wort
Japanisch sprechende Französin die Geschichte unseres Zeitalters (H spricht sich Englisch wie "Age"),
der Zeit wie Welt nach Hiroshima, dem Ereignis - die Geschichte einer Annäherung, deren
tiefstempfundener und somit wahrster Ausdruck sich in all der Kunst findet, die diese Begegnungen
hervorbringen, vor allem in den Begegnungen selbst.
Nobuhiro Suwa wird sein Meisterwerk in Wien vorstellen. Sichern Sie sich Karten für beide
Vorstellungen: Nach dem ersten Mal ist man zu bewegt, um den Film wirklich fassen zu können.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 10. 2001)
Von
Olaf Möller
"H Story"
26.10., 21.00
Künstlerhaus
27.10., 15.30
Gartenbau