Kino. Arbeit. Liebe. Alles "echt".

26. Oktober 2001 23:25

Auf den Spuren von "Hiroshima, mon amour": "H Sory" von Nobuhiro Suwa mit Beatrice Dalle

Der japanische Autorenfilmer Nobuhiro Suwa (bekannt geworden mit "M/Other"), ein Dauergast der "Viennale", zeigt heuer sein bislang wohl gewaltigstes, vielschichtigstes, gefühlsvollstes und aufwühlend schönstes Werk: "H Story".


Ursprünglich wollte Nobuhiro Suwa eigentlich gemeinsam mit Robert Kramer einen Film über Hiroshima machen: Suwas Geburtsort, über den er selbst, so sagt er, selten groß nachdenkt: Es sei halt eine mittelgroße, in ihrer Anonymität aseptische Industriestadt, die jedoch auf Kramer als Symbol für dieses Jahrhundert eine fast schon obsessive Faszination ausübte.

Kramer starb.
Und Suwa entwickelte die Idee - mit mehr als einem Grundkonzept arbeitet er nie -, einen Film um Alain Resnais' und Marguerite Duras' Hiroshima mon amour (1959) zu entwickeln: Wie das wäre, wenn sich ein Japaner eines Stücks europäischer Weltfilmkultur annähme, so wie sich damals zwei Franzosen eines Stücks japanischer Weltgeschichte annahmen.

So drehte Suwa Szenen aus Hiroshima mon amour mit Beatrice Dalle in der Rolle von Emmanuelle Riva und Hiroaki Umano in der Rolle von Eiji Okuda, und drehte dabei eine Szene, wie sie diese Szenen drehen, und dann noch ...

Foto: Viennale
Auf den Spuren von Alain Resnais und Marguerite Duras eigene Wahrheiten und Fiktionen entdecken:
Beatrice Dalle in "H Story"

Zuerst meint man, sich H Story wie gewissen Früh-70er-Meisterwerken des US-Kinos, Filmen wie Dennis Hoppers The Last Movie (1971) nähern zu müssen, oder eher noch wie Abel Ferraras Snake Eyes (1993): als einem Werk über das Verhältnis zwischen Kino und Realität, Vorlage und Adaption, über die Wahrheit des Kinos und die Fiktionen des Lebens. Wie diese Dinge durcheinander gehen.

Man geht davon aus, dass die Set-Szenen "echt" sind, fängt an, die geschlagenen Klappen zu lesen, man denkt, dieses Gespräch zwischen Nobuhiro Suwa und seinem Bekannten, dem Schriftsteller Ko Machida über die Genese des Projekts sei "authentisch". Aber dann beginnen einem die Brüche aufzufallen: etwa, wenn plötzlich mit dem Klappenschlag der Ton verschwindet und die Inszenierung durch die forcierte Stille anders lesbar wird. Oder wenn man beim Klappenlesen merkt, dass es da Widersprüche gibt, dass also von der Emotionalität der Charaktere wie der Situationen eine Kontinuität da ist, doch nicht in der zeitlichen Reihenfolge, in der diese Momente laut Klappen entstanden sein sollen.

Man beginnt zu begreifen, dass die Frage nach Realität und Fiktion so, wie man sie im Allgemeinen stellt, hier völlig irrelevant ist: weil das alles ein Film ist - mit allen Strategien des modernen Kinos, aufgehend in dessen Sensibilität, erzählt: Ausgehend von dem Versuch, ein Remake von Hiroshima mon amour zu drehen, löst sich diese Geschichte langsam von der Geschichte der Dreharbeiten ab, lässt das Set hinter sich - und einen Regisseur, der den Film abbricht.

Erzählt wird schließlich die Liebesgeschichte zwischen einem Schriftsteller, dargestellt von Ko Machida, und einer Schauspielerin, dargestellt von Beatrice Dalle, in Hiroshima, das ganz anders aussieht, als man sich das vorstellt: wie eine durchschnittliche japanische Stadt, mit der man jedoch ein Jahrhundertereignis assoziiert, an das aber nur Erinnerungsmale als Male gemahnen, doch nichts im Leben der Menschen.

Und in dieser Stadt erleben nun ein gebrochen Englisch sprechender Japaner und eine kein Wort Japanisch sprechende Französin die Geschichte unseres Zeitalters (H spricht sich Englisch wie "Age"), der Zeit wie Welt nach Hiroshima, dem Ereignis - die Geschichte einer Annäherung, deren tiefstempfundener und somit wahrster Ausdruck sich in all der Kunst findet, die diese Begegnungen hervorbringen, vor allem in den Begegnungen selbst.

Nobuhiro Suwa wird sein Meisterwerk in Wien vorstellen. Sichern Sie sich Karten für beide Vorstellungen: Nach dem ersten Mal ist man zu bewegt, um den Film wirklich fassen zu können.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 10. 2001)

 Von
 Olaf Möller


"H Story"

26.10., 21.00
Künstlerhaus

27.10., 15.30
Gartenbau
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