Junges deutsches Autorenkino: "Mein langsames Leben"
Zuerst ist da der Ton, und dann erst kommt das Bild - weil, so Angela Schanelec im Interview in der Zeitschrift
Revolver, "das Ohr viel genauer wahrnimmt als das Auge und (...) man das Ohr in Anspruch nehmen kann".
Das Ohr hört Stimmen und Geschirrgeklapper. Leicht verzögert zeigt das erste Bild dazu zwei Frauen, die im Café sitzen und sich unterhalten übers Dableiben und Weggehen. Die Frage, wo man lebt und mit wem, wird explizit oder implizit in diesem Film immer wieder auftauchen, der seine Geschichte aus präzisen Beobachtungen baut:
Die Erzählung von Mein langsames Leben erstreckt sich über ein halbes Jahr - jene Zeit, in der Valeries Freundin Sophie (Nina Weniger) ein Auslandspraktikum in Rom absolviert. Valerie (Ursina Lardi), angehende Architektin, ist bei Marie (Anne Tismer) eingezogen, die eine Tochter hat und einen Mann.
Es geschieht nicht viel - gemessen an den Standards des Unterhaltungskinos. Der Film begleitet Valerie und die anderen durch den Alltag dieser sechs Monate. Es geschieht einiges: Marie wird schwanger und entschließt sich zur Abtreibung. Valerie und Maries Bruder Thomas (Andreas Patton) werden (vielleicht) ein Paar. Valeries Vater stirbt. Maria (Sophie Aigner) heiratet, obwohl sie erst 21 ist.
Das klingt dann doch wieder dramatisch. Der Umstand, dass sich kein Gefühl von Dramatik einstellt, liegt an der Dramaturgie des Films, die diese Ereignisse ganz ruhig in einen Fluss von Begegnungen und Situationen einbaut. Nur manchmal gibt es unvermittelte Ausbrüche, wie in jener Szene, in der Valerie und Thomas auf eine alte Bekannte treffen, deren hilflose Traurigkeit ganz unerwartet zu Tage tritt: "Ich will jetzt langsam wirklich ein anderes Leben!"

Figuren mit (Familien-)Geschichte: Ex-Frau (Angela Schanelec) trifft Ex-Mann in "Mein langsames Leben"
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Schanelec Plätze in Städten, 1998), Absolventin der DFFB, positioniert ihre Figuren sehr sorgsam im Raum. Es gibt kaum Zwischenschnitte, die meisten Sequenzen sind jeweils in einer langen, statischen Einstellungen gedreht. Die Kadrierung - immer wieder öffnen beispielsweise Fenster oder Türen hinter den Personen den Blick auf ein Außen - und der Ton halten das Off der Szenen präsent.
Ein Gestus, der in der offenen Bauart der Erzählung seine Entsprechung findet: Die Figuren in Mein langsames Leben bringen in ganz selbstverständlicher Weise eine (Familien-)Geschichte mit - haben Kinder, Ex-Frauen, Geliebte, Eltern.
Schanelecs Filme zeigen - wie die Arbeiten ihrer Studienkollegen Thomas Arslan (Ein schöner Tag) und Christian Petzold (Die innere Sicherheit) - eine gewisse Affinität zum französischen Autorenkino. Mit Philippe Garrel etwa teilen sie ein Interesse für die Variation familiärer Beziehungskonstellationen.
In seiner episodischen, fragmentarischen Erzählstruktur erinnert Mein langsames Leben an Olivier Assayas' Fin août, début septembre, in den Dialogen, die sich leicht neben der Alltagssprache bewegen, an Eric Rohmers Komödien-und-Sprichwörter-Zyklus. Filme, in denen man sich einrichten kann, ohne es jedoch bequem gemacht zu bekommen, und die man nach 90 Minuten eigentlich nur ungern wieder verlässt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 10. 2001)
Von
Isabella Reicher
"Mein langsames Leben"
20.10., 13.30
Metro
21.10., 21.00
Künstlerhaus