Die Wirklichkeit ist abendfüllend

23. Oktober 2001 02:21

Johannes Holzhausens "Auf allen Meeren", Martina Kudláceks "In the Mirror of Maya Deren" und Joerg Burgers "Moscouw".

Drei neue Arbeiten der Wiener Filmproduktionsfirma "Navigator Film", drei Modelle des Dokumentarischen: Johannes Holzhausens "Auf allen Meeren", Martina Kudláceks "In the Mirror of Maya Deren" und Joerg Burgers "Moscouw".


Wie eine alternde Diva liegt die "Kiew" vor der Küste. Zwar flößt sie durch ihre monumentalen Ausmaße immer noch Respekt ein, aber an ihrer Schale hat sich längst der Rost festgefressen. Der sowjetische Flugzeugträger ist ein Auslaufmodell. Er wurde an China verkauft, wo ihm, wie schon einem anderen zuvor, ein Weiterleben als Themenpark droht.

Auf allen Meeren, der lang erwartete neue Dokumentarfilm von Johannes Holzhausen, nähert sich der "Kiew" zunächst über Archivaufnahmen, in denen noch alles neu ist, glänzt: Sie etablieren das Schiff als (bildliches) Symbol. Anschließend wird es etappenweise auf seiner letzten Reise begleitet. Im Mittelpunkt des Films stehen jedoch all jene Männer, die einmal auf der "Kiew" gedient haben: Vom Kapitän abwärts werden sie von Holzhausen aufgesucht, und in ihren Erzählungen wird deutlich, dass die „Kiew“ etwas von ihrer Kraft einmal an sie abgegeben hat: Beinahe jeder von ihnen hütet noch heute ein Objekt, mittels dessen er sie sich in Erinnerung ruft.

Mit etlichen komischen Brechungen, wie etwa Gesangseinlagen, erzählt Auf allen Meeren vom Verlust einer Utopie und entwirft so ein differenziertes Bild für die Widersprüchlichkeiten der untergegangenen Großmacht, aber auch für die Zeit der Orientierungslosigkeit, die auf sie folgte.

Auf allen Meeren wurde von Navigator Film produziert, einer heimischen Produktionsfirma, von der gleich drei Filme auf der Viennale gezeigt werden: neben Holzhausens Arbeit Martina Kudláceks In the Mirror of Maya Deren sowie Moscouw, Joerg Burgers bereits auf der Diagonale prämiertes Porträt der gleichnamigen Aktionistin.

1992 zunächst als Verein gedacht, der Filmveranstaltungen (u.a. Retrospektive Marcel Ophüls) realisierte, entschied sich der Kern der Gruppe, zu dem Johannes Rosenberger, Constantin Wulff, Holzhausen und Burger gehören, 1996 dazu, eine Firma zu gründen: mit Ausrichtung auf Dokumentar- und Kurzfilme.

Zu ihren bisherigen Produktionen zählen Streifen von Wilhelm Gaube, Dokumentarfilme wie Karin Bergers Ceija Stojka oder auch kurzfristig initiierte, politische Arbeiten wie Zero Crossing. Eine Programmatik, die die neuen Filme weiterführen.

Auf allen Meeren ist der Autorenfilm darunter, auf eine Kinoauswertung angelegt, Moscouw neigt mit seiner ungewöhnlichen Bild/Ton-Montage bereits in den experimentellen Bereich, während In the Mirror of Maya Deren wiederum ein differenziertes Künstlerinnenporträt ist, filmografisch strukturiert, das heißt: Kudlácek arbeitet aus den Filmen, mit Ausschnitten aus Meshes of the Afternoon, At Land u.a., den jeweiligen Kontext des Lebens der Filmemacherin Maya Deren (1911 - 1961) heraus, den "Gefährten“ wie Alexander Hammid, Jonas Mekas oder Marica Vogel detailreich beschreiben.

Wenig bekannte Seiten Derens, wie ihre Begeisterung für die "native culture" Haitis, treten dabei zum Vorschein. Eine besonderes Gut hat Kudlácek mit Tonbandaufnahmen Derens aus den Anthology Film Archives gehoben, die nun ihre Arbeiten kommentieren:

"I was a poor poet before the cinema", sagt sie da einmal - eine Wertschätzung des Kinos, die sich in der Arbeit der Navigatoren ausdrückt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 10. 2001)

 Von
 Dominik
 Kamalzadeh


WANN UND WO

"Auf allen Meeren":

29.10., 21.00
Künstlerhaus

30.10., 16.00
Metro

"Moscouw":

26.10., 18.30
Metro

27.10., 23.00
Stadtkino

"In the Mirror of Maya Deren":

30.10., 21.00
Künstlerhaus

31.10., 16.00
Metro
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