Technikzauber in der Zeit der leiseren Töne

13. September 2004, 14:46
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Mercedes SL - kaum ein Kürzel in der Welt der Automobile ist mit mehr Emotionen besetzt. Von sämtlichen Emotionen befreites Testergebnis: Er kann (fast) alles. Die Ansichtssache bestätigt.


Im dramaturgischen Konzept zur Markteinführung des neuen SL steht bei Mercedes derzeit die so genannte Fahrpräsentation auf dem Programm. Nach dem ersten Probesitzen in den Hamburger Deichtorhallen vor wenigen Wochen geht es nun also darum zu sehen, ob die Sitze auch beim Fahren noch passen. Sie passen, so viel vorweg. Indes, der übliche Medienrummel, den der deutsche Hersteller normalerweise um ein solches Auto macht, ist - wohl angesichts der weltpolitischen Ereignisse - angenehm leisen Tönen gewichen.

Dezente Sportlichkeit

Die leisen Töne sind es auch, die den SL selber auszeichnen. Nur dem Motor haben die Sound-Spezialisten dezente Sportlichkeit anerzogen. Der formvollendete Sportwagen erlaubt in seinem roadstermäßigen Fahrzustand selbst bei höheren Geschwindigkeiten dezente Konversation, und der Orkan bleibt auch gleich draußen. Der andere automobile Aggregatzustand ist der des Coupés. Für den Wechsel von einem zum anderen vergehen läppische 16 Sekunden. Den publikumswirksamen Dachversenkzauber aus dem SLK hat Mercedes für den SL also noch einmal deutlich verfeinert.

Technikzauber

Ebenso spektakulär ist aber das, was dieses athletische Automobil in Bewegung leistet. Schon der Antrieb des SL 500 ist ein Gustostück. Das 306 PS starke 5-Liter-V8-Aggregat beschleunigt den Wagen in 6,3 Sekunden von null auf 100 km/h, Schluss ist bei 250 Sachen. Geschaltet wird automatisch, die Tiptronik gibt aber Möglichkeit zum individuellen Schalteingriff. Überhaupt haben die Stuttgarter, ähnlich wie BMW beim neuen 7er, alles an Technik reingesteckt, was derzeit möglich ist. Und wir haben bei den ersten Fahrkilometern nichts entdeckt, was keinen Sinn machen würde.

Aufwendige Sensorik

Als kongeniale Staffage hat Mercedes die Toskana gewählt. Die kurvigen Straßen im hügeligen Chianti sind dazu geeignet, die Vorzüge des SBC besonders zu unterstreichen. SBC steht für Sensotronic Brake Control, das erste voll elektronische Bremssystem der Welt. Direkte Verbindung zwischen Bremspedal und -scheiben gibt es keine mehr, die Befehle aus dem Fahrerhaus werden elektronisch, per Kabel, weitergeleitet. Aufwendige Sensorik überwacht permanent, wie sich Fahrer und Auto verhalten. Geht der Fahrer vom Gas, wird sofort Bremsdruck aufgebaut, damit im Erstfall keine Zeit verloren geht.

Klingt alles ein bisserl technisch, stellt aber einen Quantensprung dar. In provokant falsch angefahrenen Kurven spielt das System sein Können aus, beim Bremsen spürt man förmlich, wie jedes Rad individuell heruntergebremst wird. Wir haben das ambitioniert getestet, und unser Beifahrer, der Herr Mag. Gantner, seines Zeichens Sprecher von Mercedes Benz Österreich, hat still dazu gelitten.

Wankbewegungen waren mal

Perfekt zu dieser bremstechnischen Sensation passt das schon im Luxuscoupé CL eingeführte ABC (Active Body Control). Dieses aktive Fahrwerk sorgt dafür, dass es zu keiner Wankbewegung mehr kommt beziehungsweise nur mehr zu einer geringfügigen, was aber als Rückmeldung für den Fahrer beabsichtigt ist. Ob Anfahren, Bremsen oder Kurvenzirkeln - der Wagen liegt wie ein Brett, das Fahrwerk schluckt alles weg und ist dabei auch noch komfortabel.

Die Leistungsfähigkeit dieser elektronischen Fahrdynamiksysteme ist beeindruckend, manches grenzt an Zauberei - Mercedes sagt dazu "zukunftsweisend". Unterm Strich ermöglicht der ganze Technikzauber, dass diesen exklusiven Zweisitzer auch Menschen mit bescheidenem fahrerischen Können sportlich pilotieren können. Mit gewaltigem Sicherheitspolster. Zum Interieur nur so viel: sehr stimmig. Leder, Edelholz und Alu sind geschmackvoll kombiniert, die chromumrahmten vier Einzel-Rundinstrumente im Cockpit verweisen dezent auf die SL-Historie.

Sigthseeing-Touren ab sofort möglich

Geschenkt bekommt man das alles natürlich nicht, der SL 500 kommt auf 1,592.683 S (115.745 EURO). Wer trotzdem Lust an einer spontanen Besichtigung hat: Ab sofort ist der SL bei ausgesuchten Händlern in Österreich zu besichtigen. Lieferzeit: rund neun Monate. Anfang 2002 folgt dann die AMG-Version (SL 55), Kosten: 2,062.922 S, die "Einstiegsvariante" mit V6-Triebwerk kommt im September 2002, das V12-Topmodell im April 2003.

Von Andreas Stockinger

ANSICHTSSACHE

Mercedes SL - Anschauen ist gratis

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