Die Handschriftenprobe

12. November 2001, 10:07
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Ein graphologisches Gutachten als umstrittenes Hilfmittel für die Bewerberauswahl

Üblicherweise sind Bewerbungsunterlagen von der ersten bis zur letzten Seite auf der Schreibmaschine bzw. dem Computer zu verfassen. Falls nichts Anderes erwünscht wird, ist der einzige handschriftliche Zug die eigene Unterschrift auf dem Anschreiben und auf dem Lebenslauf.

Aufforderung zur Schriftprobe

Wird jedoch bereits im Stelleninserat zur Zusendung eines handschriftlichen Lebenslaufs oder Anschreibens aufgefordert, ist damit die Erstellung eines graphologischen Gutachtens verbunden, dessen Analyse Sie mit Einreichung der gewünschten Unterlagen stillschweigend zustimmen. Manchmal wird auch gleich von einer "Schriftprobe" gesprochen, die das beste Indiz dafür ist, dass das Schriftbild analysiert werden soll.

Umstritten

Graphologische Gutachten sind ebenso wie Persönlichkeits-, Eignungs- und Intelligenztests zur Auswahl von Mitarbeitern umstritten, werden aber dennoch von etwa 15-25 Prozent der Unternehmen im deutschsprachigen Raum (meist des gehobenen Mittelstandes) als Hilfsmittel herangezogen. Im europäischen Ausland, z.B. in Frankreich, Italien und der Schweiz, ist die Schriftanalyse weitaus üblicher. Wer sich in diesen Ländern um einen Job bewirbt, wird viel eher mit einer Handschriftenprobe konfrontiert sein als in unseren Breiten.

Aussagen über Charaktereigenschaften Ziel eines graphologischen Gutachtens ist es, aus der individuellen Handschrift die Persönlichkeit des Schreibers zu erkennen, da keine Handschrift wie die andere ist. Das Gutachten enthält also Aussagen über Charaktereigenschaften, die geistigen Fähigkeiten, Arbeitsweise, Kontaktfähigkeit, Konfliktverhalten und über die allgemeine seelische Verfassung. Dabei schmälern jedoch eine große Zahl von möglichen Fehlerquellen den Aussagewert.

Verweigern?

Jeder Bewerber hat das Recht, ein graphologisches Gutachten zu verweigern bzw. dessen Aussagen nicht anzuerkennen. Das Recht, die ausgeschriebene Stelle trotzdem zu bekommen, hat er jedoch nicht. Jeder Unternehmer, jedes Personalberatungsbüro darf die neuen Mitarbeiter für das Unternehmen nach den Gesichtspunkten auswählen, die er/sie bzw. es für richtig hält. Wird der Gleichheitsgrundsatz gewahrt bzw. hatte jeder Kandidat und vor allem jede Kandidatin die gleichen Chancen, den Job zu bekommen, ist der Unternehmer unantastbar. Aber er hat das Recht, Mitarbeiter auszuwählen, die ihm sympathisch sind, die in sein Team passen oder sogar die gleichen Ansichten vertreten. Gehört zu diesen Ansichten der Glaube an ein graphologisches Gutachten, dann wird er keinen neuen Mitarbeiter wollen, der bereits von Anfang an dieses Selektionsverfahren boykottiert.

Moderne Probleme

Im PC-Zeitalter sind die meisten Menschen in der Lage, eine Seite Text formvollendet zu tippen und auf dem Computer einzurichten, die Abstände anzugleichen und gewisse Passagen fett, kursiv oder unterstrichen auszudrucken.
Die Fähigkeit, eine Seite Text handschriftlich fehlerfrei und dabei übersichtlich und ansprechend gegliedert herunterzuschreiben, gehört jedoch nicht mehr zum Repertoire eines modernen Mitteleuropäers und wird kaum noch trainiert.

Der erste handschriftliche Lebenslauf wird den Bewerber daher noch nicht zufriedenstellen. Haben Sie Geduld, und schreiben Sie sich erst einmal ein, um sich an die Umstellung zu gewöhnen. Versuchen Sie aber auf gar keinen Fall, Ihre Handschrift zu verstellen oder einen "Ghostwriter" zu beauftragen! Betrug fällt auf, denn Sie müssen damit rechnen, dass Sie im Vorstellungsgespräch aufgefordert werden, etwas zu schreiben. Spätestens im beruflichen Alltag aber werden Differenzen zu Ihrer eingereichten Handschriftprobe auffallen.

Mit der Füllfeder

Verwenden Sie einen Kugelschreiber oder, noch besser, eine Füllfeder, konzipieren Sie ein ansprechendes Layout und schreiben Sie Ihre Texte vor, um Fehler zu korrigieren und in der Reinschrift nicht durchzustreichen oder zu überschreiben.

Fachverband deutscher Graphologen

Die Aussagekraft von Schriftproben wird auch von Experten angezweifelt. Diese fanden heraus, dass die Handschriften von Männern und Frauen heutzutage oft nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. "Vor 50 Jahren sei das noch anders gewesen", erklärte Silvia Schuster-Dressel, Mitglied im Vorstand des Fachverbandes deutscher Graphologen, in Braunschweig. Sie sieht in der Annäherung ein Zeichen dafür, wie die zunehmende Gleichberechtigung auch das Wesen der Menschen beeinflusst.

Klassische Handschriften

Klassische Männerhandschriften sind laut Schuster-Dressel rechtsgeneigt mit großen Längenunterschieden und Kleinbuchstaben sowie mit starkem Druck. Frauen hätten dagegen eher gerundete Schriften. Doch diese Unterschiede werden der Graphologin zufolge weniger. Es gebe zwar immer noch eindeutige Frauen- und Männerhandschriften, ihr Anteil gehe aber zurück. (red)

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