Teufelsaustreibung

1. März 2002, 12:55
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Hans Sedlmayr "Verlust der Mitte"
Teil 12 von Hermann Schlösser

Hans Sedlmayrs Essay Verlust der Mitte, erstmals erschienen 1948, gehörte während der Fünfzigerjahre zu den bekanntesten wissenschaftlichen Werken in deutscher Sprache. Zu diesem Erfolg dürfte der zeitgemäße Titel des Buches Erhebliches beigetragen haben, denn in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist mehr als eine "Mitte" verloren gegangen: Die politische des Liberalismus hatte sich zwischen den Extremen der faschistischen Rechten und der bolschewistischen Linken kaum zu behaupten vermocht, ebenso sah sich der einstmals gutbürgerliche Mittelstand seit den Zwanzigerjahren von schleichender Proletarisierung bedroht. Das Bewusstsein von Europa als der Mitte der Welt verlor spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg angesichts zerstörter Städte und in der Begegnung mit amerikanischen und russischen Siegermächten seine Triftigkeit. Und der alte Sinnspruch Mörikes, demzufolge "in der Mitten holdes Bescheiden" liegt, musste in Zeiten des Hungers, der Not und der Demütigung fast als Hohn erscheinen.

Angesichts dieser Entwicklungen konnten bürgerliche Konservative also im Schlagwort vom "Verlust der Mitte" ihre Lage gespiegelt finden. Das Buch dieses Titels greift allerdings weiter aus. Die Mitte, deren Verlust hier beklagt wird, ist keine historische oder soziologische und schon gar keine liberale. Hier geht es einzig um das streng hierarchisierte Weltbild der katholischen Tradition: Oben ist Gott, unten der Teufel und der angestammte Platz des Menschen dazwischen. Aus dieser Mitte zwischen Gott und Teufel hat sich der Mensch im Laufe des 18., 19. und 20. Jahrhunderts jedoch hinausbewegt, indem er sich zunehmend als "autonom" begriff und den Gehorsam vor dem Höchsten ebenso ablegte wie die Angst vor dem, was ihn von unten bedrohen könnte.

Diese Veränderung des Selbst- und Weltverständnisses pflegt man "Säkularisierung" zu nennen. Sedlmayr lässt diesen Begriff allerdings nicht gelten, sondern spricht dem Menschen jede Möglichkeit zur Selbstbestimmung ab. Wer sich von Gott abwende, so seine vielfach wiederholte Behauptung, gewinne keine Autonomie, sondern verliere sich selbst und verfalle der altbösen Gegenmacht: dem Teufel - oder jedenfalls jenen chaosgeborenen Zwischenwesen, die Sedlmayr "Dämonen" nennt und auf gänzlich unaufgeklärte Weise ernst nimmt. Dass er mit seinem Glauben an Dämonen im 20. Jahrhundert nicht alleine stand, belegt u.a. ein Zitat von Ernst Jünger, das Sedlmayr seiner Beschäftigung mit Goya als Motto vorausschickt: "Die verfallenen Altäre sind von Dämonen bewohnt." Sie haben sogar, wenn man Sedlmayr glaubt, die Herrschaft über die moderne Zeit und insbesondere die moderne Kunst an sich gerissen, und der Verlust der Mitte unternimmt denkerische Schritte zu ihrem Exorzismus.

Trotzdem war Hans Sedlmayr kein Theologe, sondern Kunsthistoriker. Sein genuin theologisch gedachter Verlust der Mitte gibt sich der äußeren Form nach kunstwissenschaftlich, und dies nicht ohne sachlichen Grund. Die moderne Kunst gilt Sedlmayr als das bedeutendste "Symptom" jener "ungeheuren inneren Katastrophe", die im 18. Jahrhundert ausgebrochen sei und nach wie vor andauere. Als symptomatisch in diesem Sinne empfindet Sedlmayr z.B. eine Tendenz der Malerei zur "Herabwürdigung": nicht mehr als Gottes Ebenbild werde der Mensch wahrgenommen , sondern als Karikatur und Fratze seiner selbst. Schon bei Goya und Daumier sieht Sedlmayr diese Entstellungskunst am Werke, als ihren schlimmsten Auswuchs macht er jedoch die Strömungen der Zwanzigerjahre dingfest. Insbesondere brandmarkt er den Surrealismus, den er aus ganzer Seele zu hassen scheint. Der Baukunst hingegen kreidet er zum einen die systematischen Verstöße gegen die überlieferten Regeln der Proportion und des Maßes an, zum anderen aber die Vorliebe für riskante Projekte, die einem Traditionalisten wie ihm als sinnwidrig und unorganisch verdächtig sind. Mehrmals missbilligt er z.B. jenes Haus in Form einer Kugel , das Claude Nicolas Ledoux, der Architekturprogrammatiker der französischen Revolution, konzipiert hat. Dieses frei schwebende Gebäude erscheint Sedlmayr als Ur- und Sinnbild dessen, was er beklagt: den Verlust der Mitte.

Hans Sedlmayr (1896-1984) war einer der Wiener Hochschullehrer, die sich 1938 engagiert zum Nationalsozialismus bekannten. 1945 wurde er deshalb zwangsemeritiert und erhielt erst 1951 wieder einen Lehrstuhl an der Universität München. Die Zeit dazwischen überbrückte er als freiberuflicher Publizist, und Der Verlust der Mitte ist das bedeutendste Resultat dieser Phase. Allerdings weist Sedlmayr selbst im Nachwort darauf hin, dass sein Buch auf Vorlesungen zurückgeht, die er bereits in den Jahren 1941 und 1944 an der Universität Wien gehalten hat.

Wer aufgrund dieser Vorgeschichte Affinitäten zwischen dem Verlust der Mitte und der nationalsozialistischen Doktrin der "entarteten Kunst" vermutet, hat Recht und Unrecht zugleich. Denn dass der katholische Konservative Sedlmayr denselben Feind im Visier hat wie die Verbots- und Unterdrückungspolitiker des NS-Regimes, steht ebenso außer Frage wie sein vorübergehendes nationalsozialistisches Engagement. Und doch sollte man darüber nicht ganz verkennen, dass er - im Unterschied etwa zum verhinderten Kunstmaler Hitler - verstand, was er bekämpfte. Vor allem im ersten Kapitel des Buches, betitelt "Symptome", findet man sensible und kenntnisreiche Beschreibungen moderner Kunstwerke und Tendenzen, die man auch dann mit Gewinn lesen kann, wenn man nicht hinter jedem verfallenen Altar einen Dämon hervorflattern sieht. Eben deswegen stellt sich freilich auch im Fall Sedlmayr die Frage, die bei Martin Heidegger, Gottfried Benn und anderen in ähnlicher Form am Platz ist: Wie konnte es kommen, dass ein offenkundig feinfühliger und übrigens auch schriftstellerisch sehr begabter Wissenschafter mit einer politischen Verbrecherbande paktierte? War seine Angst vor den Freiheitsversprechen der Moderne so groß, dass er zu jedem floh, der ihm Schutz davor versprach?

Wer diese Fragen weiterverfolgen wollte, dürfte den Verlust der Mitte nicht mehr als Tractatus theologico-aestheticus lesen, sondern müsste versuchen, ihn als Psychogramm seines Verfassers zu entschlüsseln. Das liefe zwar allen Intentionen Sedlmayrs zuwider, verspräche aber trotzdem - oder gerade deshalb - Aufschlüsse über jene weit verbreitete Kulturbürgermentalität, die Thomas Mann mit dem Ausdruck "machtgeschützte Innerlichkeit" ein für allemal treffend bezeichnet hat.

Hans Sedlmayr:
Verlust der Mitte.
Die bildende Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts als Symptom und Symbol der Zeit

öS 354,-/EURO 25,75
266 Seiten
Otto Müller, Salzburg 1998
(11. Auflage)

Zum Weiterlesen:
Norbert Schneider:
Hans Sedlmayr
In: Heinrich Dilly (Hg.):
Altmeister moderner Kunstgeschichte.
Reimer Verlag. Berlin 1999
S. 267-288.

Das von Claude Nicolas Ledoux, dem Architekturprogrammatiker der französischen Revolution, entworfene Haus in Form einer Kugel erschien Sedlmayr als Ur- und Sinnbild dessen, was er beklagt: den Verlust der Mitte.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17.6. 2001)

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