Unser Amerika

20. Jänner 2002, 21:45
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Barbara Coudenhove-Kalergi: Ob man Amerika mag oder nicht, ist an sich keine Glaubensfrage

Aber unter dem Eindruck der Ereignisse droht sie eine zu werden. An Amerika scheiden sich zurzeit die Geister. "Antiamerikanisch" lautet das Verdammungsurteil der einen, "amerikahörig" das der anderen. Was steckt dahinter?

Die ganz Linken und die ganz Rechten waren seit jeher gegen Amerika. Für die traditionelle Linke sind die USA immer noch in erster Linie mit dem Imperialismus verbunden, mit den Schattenseiten der Globalisierung, mit der triumphalistischen Überheblichkeit gegenüber dem Rest der Welt. Dieses Amerikabild wird personifiziert in jener Lehrerin aus Sachsen (ehemals DDR), die nach dem Terroranschlag im Unterricht sagte: "das geschieht den Amerikanern ganz recht" und deshalb suspendiert wurde.

Für die ganz Rechten ist Amerika die "Ostküste" mit den vielen Juden ...

Rassengemisch im Schmelztiegel New York, die Siegermacht im Krieg gegen NS-Deutschland und Ausgangspunkt der verhassten McDonaldisierung, die die angestammten völkischen Kulturen zu überwältigen drohe. Diese Haltung hat etwa kürzlich der ungarische Rechtsradikale Istvan Csurka vertreten und damit in seinem Land ebenfalls einen Wirbel ausgelöst.

Der europäische und österreichische Mainstream steht den USA differenziert gegenüber, aber im Gefolge des Anschlags werden die Differenzen plötzlich wichtig. Gegen den Terror sind alle. Gegen einen großen militärischen Vergeltungsschlag sind die meisten (inklusive Powell). Doch ob "uneingeschränkte Solidarität" mit den Amerikanern gelten soll oder zögerndes "ja, aber", beherrscht die Leserbriefspalten der Zeitungen, die Chats im Web und die Debatten bei den Grünen in Österreich und Deutschland.

USA als Kulturheimat

Dabei ist interessant, dass für die Nach-68er-Generation die USA jenseits aller politischen Zuordnungen in den letzten Jahren so etwas wie eine Kulturheimat geworden sind. Heinrich Heine sagte seinerzeit, jeder freiheitsliebende Mensch hat zwei Vaterländer, sein eigenes und Frankreich. Heute würden viele etwas Ähnliches über die USA sagen. Die Symbiose von Menschenrechten und Popmusik hat eine Sogwirkung ausgelöst, der sich auch Kritiker der Supermacht kaum entziehen können.

"Wir sind alle New Yorker", titelte der Falter in Anlehnung an die Schlagzeile "Wir sind alle Amerikaner" in Le Monde. Der österreichische Autor Michael Scharang trauerte in einem Essay um "meine WTC-Türme". Vor einigen Jahren hätten viele kritische Europäer sich eher in dem Spruch "wir sind Vietnamesen" wiedererkennen können. Heute ist "unser Amerika" bedroht.

Es gibt Momente, in denen Amerika den Europäern sehr weit entfernt scheint - etwa bei den TV-Bildern, auf denen Angehörige von Mordopfern bei der Hinrichtung des Täters zuschauen. Auch die Bilder von andächtigen US-Bürgern, die beim Aufziehen der Flagge die Hand aufs Herz legen, kommen unsereinem fremd vor. Und dann gibt es wieder Augenblicke der Nähe und Verbundenheit, bei Paul-Auster-Filmen vielleicht oder bei den Bildern von den New Yorkern beim Aufräumen der WTC-Ruinen.

Der Terroranschlag, so scheint es, hat die USA und Europa näher zusammenrücken lassen. Differenzierung ist trotzdem gut. Man muss nicht mit allem einverstanden sein, was die US-Regierung tut, ohne sich gleich den Vorwurf des Antiamerikanismus einzuhandeln. Und Sympathie für die USA ist noch lange nicht Amerika-Hörigkeit. Eine Folge des Terrors, die sich niemand wünschen kann, wäre jedenfalls, wenn man im Hinblick auf die USA nicht mehr "ja, aber" sagen dürfte.

(DER STANDARD, Print, 1. Oktober 2001)

01.10.2001
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