Gespensterfilme aus Japan in der Reihe "Restless Souls"
Geister gab es im japanischen Kino schon lange.
Der jüngsten Welle an Gespensterfilmen, in
denen sich der Spuk auch über neue
Technologien verbreitet, widmet die
Viennale
unter dem Titel "Restless Souls" ein Tribute.
Spätestens seit Wes Cravens
Scream verheißt Telefonklingeln in Horrorfilmen nichts
Gutes. In Hideo Nakatas Ringu/The Ring (1998) teilt einem
ein Anruf mit, dass man noch
genau eine Woche zu leben
habe. Der eigentliche Fluch
wird bereits durch das Betrachten eines Videos wirksam, einer Art Snuff-Movie,
das assoziativ Bilder aneinander reiht, ohne deren Sinn
preiszugeben.
Ringu erwies sich nicht nur
in Japan als immens erfolgreiche Neuvariation eines alten
Themas, er löste darüber hinaus eine regelrechte Renaissance von Geisterfilmen aus.
Acht Beispiele dieses Genres,
das im japanischen Kino eine
lange Tradition vorweisen
kann, versammelt die Viennale nun in ihrem Tribute
Restless Souls.
Anders als im US-Horrorfilm scheint sich dort der
postmoderne Rückgriff aufs
Bewährte nicht in Spielarten
ironischer Selbstreflexion zu
erschöpfen. Das Grauen bleibt
vielmehr stur, ernsthaft, das
Unheimliche eine Qualität,
die weniger über Schocks als
über Atmosphären und Spannungsbögen vermittelt wird.
Der Beginn von Ringu mag
noch an US-Slasherfilme erinnern, doch das eigentliche
Drama verläuft als irritierend
bedächtige Suche nach dem
Ursprung des Fluchs. Eine
Journalistin stößt dabei auf
das Video und überträgt den
Fluch nicht nur auf sich, sondern auch auf ihren Ex-Mann
und den Sohn. Das Paar, selbst
übernatürlich begabt, agiert
jedoch gehemmt, weil sie mit
der Wahrheit auch ein Stück
von sich selbst freilegen.
Joji Iidas Rasen/The Spiral,
kurioserweise ein zeitgleich
produziertes Sequel zu Ringu,
weitet dieses Prinzip noch
aus, wenn der Fluch im einigermaßen abstrusen Finale
sogar zum Ausdruck von
Ängsten vor biomedizinischen Exzessen wird. Die
längste Zeit geben in The Spiral jedoch die Schauplätze,
anonyme, menschenleere Bürogebäude, den Rahmen für
ein Drama ab, in dem das Verdrängt-Geglaubte regelrecht
wieder geboren wird.
Letztlich erzählen die Geisterfilme auch davon, dass in
Japan trotz der Verwestlichung der Gesellschaft der
Glaube an die Metaphysik ungebrochen ist. Kiyoshi Kurosawa, der auch mit seinem
jüngsten Film, Kairo, in der
Reihe vertreten ist, liefert in
Kyua/Cure (1997) eindrückliches Beispiel. Mamayo, ein engelhafter Jüngling, lässt willkürlich ausgewählte Menschen mittels
Hypnose zu Mördern werden.
Die vermeintliche Auflösung des Falles geschieht bei
Kurosawa fast nebenher, die
weitaus prekärere Erkenntnis
verbirgt sich hinter der Frage
Mamayos, die er immer wieder stellt: "Wer bist du?" Sie
erschüttert die Sicherheit der
Subjekte.
Kurosawa, der künstlerisch
Ambitionierteste dieser Runde, bedarf so gut wie keiner Effekte, um einen frösteln zu
lassen: ein wiederholter
Schwenk über Affenkäfige
oder eine Untersicht, wobei
sich an der Decke ein Wasserfleck abzuzeichnen beginnt.
Das größte Unbehagen verbreitet jedoch die Einsicht,
dass das "Böse" den Figuren
gar nicht äußerlich ist - und
dass es, was er wiederum mit
den anderen Filmen teilt,
einmal (wieder) aufgetaucht,
nicht mehr aus der Welt zu
schaffen ist. Eine Wiederherstellung der gestörten Ordnung bleiben einem diese
Filme - im besten Sinne -
schuldig.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 10. 2001)
Von
Dominik
Kamalzadeh
DIE FILME
"Cure"
Kiyoshi Kurosawa, 1997
"Kakashi"
Norio Tsuruta, 2001
"Perfect Blue"
Satoshi Kon, 1998
"Pulse"
Kiyoshi Kurosawa, 2001
"The Ring"
Hideo Nakata, 1998
"The Spiral"
George Iida, 1998
"Tomie"
Ataru Oikawa, 1999
"Versus"
Ryuhei Kitamura, 2000