Besucherandrang aus dem Totenreich

23. Oktober 2001 02:34

Gespensterfilme aus Japan in der Reihe "Restless Souls"

Geister gab es im japanischen Kino schon lange. Der jüngsten Welle an Gespensterfilmen, in denen sich der Spuk auch über neue Technologien verbreitet, widmet die Viennale unter dem Titel "Restless Souls" ein Tribute.


Spätestens seit Wes Cravens Scream verheißt Telefonklingeln in Horrorfilmen nichts Gutes. In Hideo Nakatas Ringu/The Ring (1998) teilt einem ein Anruf mit, dass man noch genau eine Woche zu leben habe. Der eigentliche Fluch wird bereits durch das Betrachten eines Videos wirksam, einer Art Snuff-Movie, das assoziativ Bilder aneinander reiht, ohne deren Sinn preiszugeben.

Ringu erwies sich nicht nur in Japan als immens erfolgreiche Neuvariation eines alten Themas, er löste darüber hinaus eine regelrechte Renaissance von Geisterfilmen aus. Acht Beispiele dieses Genres, das im japanischen Kino eine lange Tradition vorweisen kann, versammelt die Viennale nun in ihrem Tribute Restless Souls.

Anders als im US-Horrorfilm scheint sich dort der postmoderne Rückgriff aufs Bewährte nicht in Spielarten ironischer Selbstreflexion zu erschöpfen. Das Grauen bleibt vielmehr stur, ernsthaft, das Unheimliche eine Qualität, die weniger über Schocks als über Atmosphären und Spannungsbögen vermittelt wird.

Der Beginn von Ringu mag noch an US-Slasherfilme erinnern, doch das eigentliche Drama verläuft als irritierend bedächtige Suche nach dem Ursprung des Fluchs. Eine Journalistin stößt dabei auf das Video und überträgt den Fluch nicht nur auf sich, sondern auch auf ihren Ex-Mann und den Sohn. Das Paar, selbst übernatürlich begabt, agiert jedoch gehemmt, weil sie mit der Wahrheit auch ein Stück von sich selbst freilegen.

Joji Iidas Rasen/The Spiral, kurioserweise ein zeitgleich produziertes Sequel zu Ringu, weitet dieses Prinzip noch aus, wenn der Fluch im einigermaßen abstrusen Finale sogar zum Ausdruck von Ängsten vor biomedizinischen Exzessen wird. Die längste Zeit geben in The Spiral jedoch die Schauplätze, anonyme, menschenleere Bürogebäude, den Rahmen für ein Drama ab, in dem das Verdrängt-Geglaubte regelrecht wieder geboren wird.

Letztlich erzählen die Geisterfilme auch davon, dass in Japan trotz der Verwestlichung der Gesellschaft der Glaube an die Metaphysik ungebrochen ist. Kiyoshi Kurosawa, der auch mit seinem jüngsten Film, Kairo, in der Reihe vertreten ist, liefert in Kyua/Cure (1997) eindrückliches Beispiel. Mamayo, ein engelhafter Jüngling, lässt willkürlich ausgewählte Menschen mittels Hypnose zu Mördern werden.

Die vermeintliche Auflösung des Falles geschieht bei Kurosawa fast nebenher, die weitaus prekärere Erkenntnis verbirgt sich hinter der Frage Mamayos, die er immer wieder stellt: "Wer bist du?" Sie erschüttert die Sicherheit der Subjekte.

Kurosawa, der künstlerisch Ambitionierteste dieser Runde, bedarf so gut wie keiner Effekte, um einen frösteln zu lassen: ein wiederholter Schwenk über Affenkäfige oder eine Untersicht, wobei sich an der Decke ein Wasserfleck abzuzeichnen beginnt.

Das größte Unbehagen verbreitet jedoch die Einsicht, dass das "Böse" den Figuren gar nicht äußerlich ist - und dass es, was er wiederum mit den anderen Filmen teilt, einmal (wieder) aufgetaucht, nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist. Eine Wiederherstellung der gestörten Ordnung bleiben einem diese Filme - im besten Sinne - schuldig.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 10. 2001)

 Von
 Dominik
 Kamalzadeh


DIE FILME

"Cure"
Kiyoshi Kurosawa, 1997

"Kakashi"
Norio Tsuruta, 2001

"Perfect Blue"
Satoshi Kon, 1998

"Pulse"
Kiyoshi Kurosawa, 2001

"The Ring"
Hideo Nakata, 1998

"The Spiral"
George Iida, 1998

"Tomie"
Ataru Oikawa, 1999

"Versus"
Ryuhei Kitamura, 2000
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