Ehrengast: Fay Wray, 94, Hollywoods erste "Scream Queen" und "Wiener Mädel"
Über siebzig Filme hat sie gedreht, aber auch das diesjährige "Viennale"-Tribute für Fay Wray kommt an ihrem phänomenalen Erfolg "King Kong" nicht vorbei.
Der Regisseur ist sauer: "The public wants a girl!", aber keine Schauspielerin ist bereit, mit ihm und seiner Mannschaft auf einem Schiff mit unbekanntem Ziel zu geheimnisvollen Dreharbeiten auszulaufen.
Also macht sich Carl Denham (Robert Armstrong) höchstselbst auf den Weg, um im Großstadtdschungel von New York nach einer geeigneten Hauptdarstellerin zu suchen. Und er findet sie - in Gestalt einer verzweifelten jungen Frau, die er gerade noch davor bewahren kann, vor lauter Hunger zur Diebin zu werden. A star is born. Das Projekt ist gerettet.
Auf dem Schiff wird dann schon einmal der fotogene Ausdruck von größter Angst geübt, samt dazu passendem Schrei, und rund vierzig Minuten später beginnt schließlich jener legendäre Einsatz als "Scream Queen" in der Hand eines Riesenaffen, der Fay Wray trotz rund siebzig anderer Filmrollen bis heute verfolgt (ein Umstand, der im Viennale-Programm im übrigen auch mit Christoph Girardets Found Footage-Experiment Release aus dem Jahr 1996 belegt wird).
Die 1907 in Kanada geborene Schauspielerin war allerdings bereits vor King Kong (1933) eine gefragte Leading Lady, die mit William Wellman, Mauritz Stiller, Josef von Sternberg, Frank Capra oder Michael Curtiz gedreht hatte.
"They promised Fay Wray to work opposite the tallest, darkest leading man of Hollywood", tönt der Kommentar der Dokumentation zum 60. Jubiläum von King Kong. Nachts setzte sie also die blonde Perücke der "golden woman" auf, tagsüber wurde am selben Set Ernest B. Schoedsacks und Irving Pichels The Most Dangerous Game gedreht - mit einer brünetten Fay Wray in der weiblichen Hauptrolle.
In insgesamt fünf fantastischen Horrorfilmen wirkte sie Anfang der 30er-Jahre mit. King Kong von Merian C. Cooper und Ernest B. Schoedsack wurde der erfolgreichste. Das Drehbuch basiert auf einem Entwurf von Edgar Wallace, der seit 1931 bei der RKO als Autor unter Vertrag stand und wenige Tage nach Beginn der Arbeit an King Kong in Hollywood starb.
Die Story findet noch in High-Concept-Blockbustern wie Jurassic Park ihren Nachhall. Die Spezialeffekte von Willis O'Brien setzten Standards. Der Kassenerfolg rettete das Studio RKO vor dem Ruin - wenngleich längerfristig vor allem die Astaire-Rogers-Musicals das wirtschaftliche Überleben sicherten.
"Wiener Mädel"
Wray war kein Vamp, keine Femme Fatale. Sie erinnert weit mehr an die "unschuldigen" Griffith-Frauen, die mit großen Augen an Beschützerinstinkte appellieren, und gerade in den überzeichneten Panikattacken von King Kong finden sich Anklänge an die expressive Gestik und Mimik des frühen Kinos.
Fay Wray, die während der Stummfilm-Ära zunächst bei Hal Roach in Slapstick-Komödien auftrat, hatte als "Wiener Mädel" in Erich von Stroheims The Wedding March (1928) ihre erste große Filmrolle - als Harfenistin Mitzi Schrammel, die in Wien anno 1914, in einer Stadt mit "eigenen Moralvorstellungen", so steht es in den einleitenden Schrifttafeln, dem Werben von Prinz Nicki von Wildeliebe-Rauffenberg (von Stroheim) nachgibt.
Den Übergang zum Tonfilm meisterte sie ohne Karriereknick. Ein Thema, das im übrigen in Harry Lachmans It Happened in Hollywood (1937) - einer von sechs Tribute-Beiträgen - tragikomisch aufgegriffen wird.
1942 hörte Wray vorübergehend auf, als Schauspielerin zu arbeiten. Mitte der 50er-Jahre kehrte sie noch einmal ins Filmgeschäft zurück. 1958 drehte sie Summer Love, ihren letzten Kinofilm. Anlässlich der Viennale wird die inzwischen 94-Jährige in Wien zu Gast sein.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 10. 2001)
Von
Isabella Reicher
Filme mit Fay Wray auf der VIENNALE:
"The Wedding March"
(Erich von Stroheim, 1928)
"King Kong"
(Ernest B. Schoedsack, 1933)
"The Bowery"
(Raoul Walsh, 1933)
"The Mystery of the Wax Museum"
(Michael Curtiz, 1933)
"Ann Carver's Profession"
(Edward Buzzell, 1933)
"It Happened in Hollywood"
(Harry Lachman, 1937)
WEB-TIPP:
Bildergalerie Fay Wray @ Silent-Movies.com