von Clarissa Stadler
Landpartie

27. September 2001, 20:13
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Im Herbst weicht der Wiener gerne in die Provinz aus. Tauscht Samstagnachmittage im verrauchten Kaffeehaus gegen eine Landpartie und verbringt stille Tage im Klischee. Zum Beispiel in der Steiermark zur Kürbiszeit. Alles Hokkaido, oder was?

Kurz nach dem Semmering beginnt die "Griaßdi"-Welt. Wildfremde Menschen, denen man im Wald und auf der Alm begegnet, rufen einem ein gut gelauntes "Halo-Griaßdi" entgegen. Soviel Lockerheit ist ansteckend, und nach wenigen Stunden ertappt man sich bei einem stürmischen "Griaßenk mitanand". Apropos stürmisch: "Rot oder weiß" ist die kardinale Frage beim gefährlichsten Getränk der Welt, aber wenn man sich mal entschieden hat, kriegt man eh nichts mehr mit. Der Sturm im Wasserglas hat's in sich. Er versetzt aggressive Büromenschen in Bruchteilen eines Nachmittags in einen friedlichen Alpha-Zustand.

Wenn der erreicht ist, geht man idealerweise in den Wald. Den unsicheren Gang mit übertrieben professionellem Bergschuhwerk stützend pirscht der Städter torkelnd durch Flur und Hain und glaubt im illuminierten Zustand, hinter jedem zweiten Baum einen Speisepilz zu erkennen. Diesen Irrtum teilt er mit den andern Sturm-Opfern, sodass der Wald bald mit ausgerissenen Pilzen übersät ist, die man allesamt nicht essen kann. Aber das konnte man ja vorher nicht wissen. Der Schwamm, ein Tarner und Täuscher, zeigt ja erst auf der Unterseite des Hutes seine verräterischen Lamellen. Nur bei einem Pilz, da ist sich der Städter sicher. Den Bovist, den erkennt er blind, das ist der, auf den man drauftreten muss, damit er staubt und damit tut man ihm was Gutes, denn so vermehrt er sich. Bovistseinserweiterung.

Besser ist der Kürbis, den muss man nicht suchen, im Gegenteil, man entkommt ihm nicht. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Von
Clarissa Stadler

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