Pina

27. September 2001, 14:20
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Walter Vogel kennt Pina Bausch seit seiner Studienzeit und legt hier eine ganz ungewöhnliche Foto-Biographie vor.

Über die deutsche Tanztheater-Legende Pina Bausch sind schon zahlreiche, vor allem von Tanzhistorikern verfaßte Bücher publiziert worden. Walter Vogels Text- und Bildband „Pina“ nimmt da eine Sonderstellung ein. Der 1932 in Düsseldorf geborene Reportage-, Theater-, Mode- und Werbefotograph hat Pina Bausch während seiner Studienzeit Mitte der 60er Jahre an der Folkwang-Hochschule in Essen-Werden kennen gelernt, wo er die Klasse von Otto Steinert besuchte. Seit 1980 hat Walter Vogel sämtliche Bücher über städtebauliche Veränderungen, über Länder und Menschen, in Doppelfunktion als Autor und Fotograph heraus gebracht. Schon nach den ersten Seiten von „Pina“ merkt man, dass da ein guter alter Bekannter und respektvoller Verehrer über die große Choreographin schreibt. Bereits 1982 begann Vogel an diesem Buch zu arbeiten, stöberte in seinem Archiv und fand dabei bislang Unveröffentlichtes. Die Dokumentation teilt sich in drei, Lebensabschnitte umspannende, „Episoden“ samt zahlreicher Unterkapitel. Besonders interessant ist „Episode I. Die frühen Jahre. 1965 - 1969“. Jene Jahre vor Pina Bauschs künstlerischem Durchbruch werden ansonsten in der Fachliteratur meist nur en passant gestreift.

Das erste Treffen fand 1965 im vis-à-vis der Folkwang-Hochschule gelegenen, bei Studenten beliebten Café Döllken statt. Dort war man gern gesehener Gast, wechselte am Abend in die Stammkneipe „Zum Löwen“ oder für besondere Anlässe in das Gasthaus „Kamin“. Als Ausflugslokal war das „Haus Hohenstein“ an der Ruhr allseits beliebt. Pina Bausch hatte damals schon ihr Tanzexamen absolviert, gut zwei Studienjahre an der Juilliard School of Music in New York verbracht und war nun Mitglied des von ihrem einstigen Lehrmeister Kurt Jooss geleiteten Folkwang-Ballett Essen. Für Nachtschwärmereien blieb immer noch Zeit. So findet sich unter den zahlreiche Aufnahmen beim Training, im Studio oder während der Aufführungen auch ganz Privates mit Seltenheitswert. Da sitzt Pina Bausch als strahlende Strandschönheit am Lido di Venezia, raucht genüßlich am Ufer des Genfer Sees oder grübelt als Unnahbare über fragmentarischen Skizzen. Bildtexte wie „ ‘Madame Gnadenlos“ nach nächtlichem Umtrunk und wenigen Stunden Schlaf“ - zu sehen ist eine vollkommen konzentrierte, ätherisch wirkende Pina bei der täglichen Exercice an der Stange - versprechen vergnügliches Betrachten und Schmökern. In dieser Zeit gelang es Walter Vogel die sonst eher ungeschminkte Persönlichkeit für gestylte Shootings zu gewinnen: Die Porträtserie (1966 -1967) zeigt Pina kokett, verschmitzt, mondän und entrückt.

Beruf, Karriere, Ortswechsel: Die Bindung zwischen Vogel und Pina Bausch löste sich allmählich. Gelegentlich hat er die mit der Spielzeit 1973/74 zur künstlerischen Leiterin des Tanztheater Wuppertal bestellte Choreographin noch mit der Kamera verfolgt. In „Episode II. Die mittleren Jahre. 1977 - 1982“ stellt er Pina Bausch, die Direktorin heraus, sieht man Szenenfotos mit jenen Tänzern wie Lutz Förster, Mechthild Grossmann oder Jan Minarik, die Bauschs künstlerischen Weg begleiteten. Nach einer langen Phase des Nichttreffens begegnet man einander wieder. „Episode III. Die späten Jahre. 1997 - 2000“ konzentriert sich in erster Linie auf das Gastspiel in Madrid 1998 und auf das 25-jährige Jubiläum des Tanztheater Wuppertal. Wieder gelingt es Vogel nicht nur als profunder Theaterfotograph zu reüssieren sondern auch Pina jenseits der Bühne einzufangen. Es sind allesamt nachwirkende Aufnahmen, die einem die große Künstlerin auch mal aus einer neuen Perspektive betrachten lassen. (Ursula Kneiss)

Walter Vogel
Pina
Quadriga, Berlin
127 S./ EUR 24,54
ISBN: 3886793443

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