Wohnen wie die Preußen

1. Juli 2005, 13:41
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Verfallene königliche Sommerresidenzen im schlesischen Riesengebirge werden gerade liebevoll hergerichtet - als geschichtsträchtige Herbergen und Forschungsstätten

Vor zehn Jahren erwarb Ulrich von Küster das ehemalige Schloss seines Vaters in Schlesien. Als der Deutsche seinen Vater damit überraschte, war der entsetzt: "Er fragte mich, ob ich wahnsinnig geworden sei. Ob mir klar sei, was allein die Restaurierung koste", erzählt von Küster heute entspannt. Der Jurist hatte damals in der Zeitung gelesen, dass im Hirschberger Tal Schlösser verkauft würden und fuhr nach Polen, "um mal zu schauen". Der Anblick des Barockschlosses seines Vaters verschlug ihm den Atem. In der Ruine Lomnica konnte man vom Erdgeschoß durch vier Stockwerke in den Himmel sehen. Nur das Witwenschlösschen nebenan, das bis zuletzt als Verwaltungsgebäude genutzt worden war, wirkte noch halbwegs bewohnbar.

Gegenüber von Schloss Lomnica (früher Lomnitz), auf der anderen Seite des Bober, sah das ehemalige Schloss Schildau (heute Wojanow) nicht viel anders aus, ebenso wie das einstige Schloss Boberstein (Bobrow), Schloss Fischbach (Karpniki), die Ritterburg in Boberröhrsdorf (Siedlecin) oder die hoch in den Bergen liegende Burg Kynast (Chojnik). Dies waren die Burgen und Festungen der polnischen Piasten und die Sommerresidenzen der preußischen Könige und Adligen. Kaum irgendwo anders in Europa gibt es so viele Schlösser, Burgen und Herrensitze auf so engem Raum wie im Hirschberger Tal vor den Toren Berlins - 38 sind es insgesamt.

Die sanft-hügelige Kulturlandschaft des Riesengebirges mit der Schneekoppe ist nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend in Vergessenheit geraten. Die Schlösser des ehemaligen Feindes dienten den Polen ab 1945 als Kinderheime, Sanatorien oder Arbeiterwohnheime. Damals dachte niemand daran, die ehemaligen deutschen Adelsresidenzen als "europäisches Kulturerbe" zu betrachten und ihnen besondere Pflege angedeihen zu lassen.

So ist das "Tal der Schlösser und Gärten" innerhalb der vergangenen 50 Jahre zu einer Ruinen- und Sumpflandschaft verkommen, deren deprimierender Anblick schließlich die polnischen Denkmal-und Naturschützer auf den Plan rief. Nicht zuletzt, um auch mehr Touristen in die Gegend zu locken, die es bislang vor allem nach Krummhübel (Karpacz) zog, wo es Hotels und Pensionen gibt, Wanderwege, Loipen und sogar eine Skischanze.

Schon heute ist Schloss Lomnica mit seinem schönen und gepflegten Park im klassischen Lenné-Stil das Vorzeigeobjekt im Hirschberger Tal. Unter polnischen, deutschen und tschechischen Touristen gilt das Hotel (samt Küche) als Geheimtipp. Elisabeth und Ulrich von Küster haben längst Polnisch gelernt, und die dreijährige Tochter Anna verständigt sich selbstverständlich in beiden Sprachen.

Drei Kilometer weiter, neben Schloss Czarne (früher Schwarzbach), schließt Jacek Jakubiec die Tür seines Wohncontainers: "Noch zehn Tage, dann können wir zurück ins Schloss." Ähnlich wie die von Küsters wohnte auch Jakubiec über Jahre hinweg in einem Wanderprovisorium aus Luftmatratzen, Campinggrill, Gaslampen und Waschschüsseln. Im Schloss wurde erst das Dach abgedichtet, die Fenster wieder eingesetzt, dann kamen Kanalisation und Strom hinzu. Der Stadtplaner und engagierte Ökologe Jakubiec steht kurz vor dem Ziel: In spätestens einem Jahr soll Schloss Czarne als Internationales Ökologisches Zentrum eröffnet werden - mit Seminarräumen, einer Umweltbibliothek und einem kleinen Museum. Die zum Schloss gehörigen Wirtschaftsgebäude sollen die finanzielle Grundlage dafür einspielen. Geplant ist ein kleines Hotel, außerdem ein ökologisch geführter Bauernhof oder eine Pferdezucht.

Eine Allee führt bis an ein gusseisernes Tor, hinter dem sich effektvoll ein wahres Märchenschloss erhebt: Schloss Bobrow (früher Boberstein). Beim Näherkommen scheint es, dass fast jede Rettung zu spät kommt. Günter Artmann, ein alter Schlesier, der trotz seines Namens besser Polnisch als Deutsch spricht, ist dennoch zuversichtlich: "Was sich sichern lässt, haben wir gesichert." Stolz deutet er auf die Wirtschaftsgebäude: "Deutsch-Polnische Jugendbegegnungsstätte" steht über der Tür. Im Sommer toben hier polnische und deutsche Kinder durch den Park. Und abends werden Schlossfeste gefeiert. "Alles wird schön beleuchtet, eine Kapelle spielt, und dann tanzen wir, Deutsche und Polen", lächelt Artmann mit einem wehmütigen Blick auf das halb zerfallene Schloss - ,"tak jak kiedys - ganz wie früher."

Von Gabriele Lesser


Infos: Schlosshotel Lomnitz / Palac Lomnica bei Hirschberg / Jelenia Gora, Tel. 0048/75/713 04 60.
Die Ausstellung "Das Tal der Schlösser und Gärten. Das Hirschberger Tal in Schlesien - ein gemeinsames Kulturerbe", ein deutsch-polnisches Gemeinschaftsprojekt, ist bis 18. 11. in Hirschberg zu sehen, vom 29. 11. an in Berlin in Schloss Britz. Der Katalog (414 Seiten, 400 Bilder, DM 48 / EURO 24,5) ist bei der Berliner Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch, Tel. und Fax: 0049/30/616 098 97 erhältlich.
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