Möwen, Meer, his master's voice

27. September 2001, 00:59
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"Abenteuer in Sachen Haut": Ein Projekt über Dylan Thomas

Dylan Marlais Thomas (1914-1953) hat nicht nur Gedichte und Prosa geschrieben - er hat sie auch gelesen. Was heißt gelesen, er hat sie in beschwörendem Singsang auferstehen lassen vor seinen Hörern, zu denen dank zahlreicher Tonaufnahmen auch die Nachwelt gehört. Dylan Thomas' Präsenz als Stimme seiner Dichtungen war so groß, dass sich ein anderer Dichter namens Robert Zimmermann, der seine Lyrik auch gern vorträgt, sogar dessen Vor- zum Künstler-Namen erwählte. Dylan Thomas' eigenartig singender Vortragstonfall ist in Zusammenhang mit der Sprachmelodie der Prediger in seiner Heimat Wales gebracht worden. Es gibt sogar ein Wort dafür: Hwyl.

Auch den 1955 in Stuttgart geborenen Regisseur Peter Carp faszinierten die Stimme und Dichtungen von Dylan Thomas. Gemeinsam mit Olivier Ortolani erstellte er eine Textauswahl für einen Abend, der die Dichtungen, nicht den Dichter zur Hauptfigur haben sollte. Aber his master's voice, der unnachahmliche Hwyl des Thomas'schen O-Tons, durfte nicht fehlen.

Auftritt für die Komponistin Olga Neuwirth: Sie nahm die Tonaufnahmen der Dichterlesungen als Rohmaterial. Und irgendwann ging ihr auf, dass der Singsang des Poeten klang wie die Laute der Möwen, die in ihrer venezianischen Komponier-Klause die Konzentration störten. Neuwirth nahm die Möwen auf und verfremdete sie mit einem elektronischen Verfahren namens Granularsynthese, bis sie bedrohlich klangen wie die Tonspur zu Hitchcocks Die Vögel.

Und da sie schon dabei war, arbeitete sie auch noch die Glockenklänge der Serenissima mit ein. Und klingen die verschiedenen Rauschfrequenzen der alten Aufnahmen, ineinander übergeführt, nicht wie Meeresrauschen? Dylan Thomas konnte eigentlich nur in seinem Häuschen an einer walisischen meeresumtosten Felsklippe, umkreischt von Möwen, dichten. Olga Neuwirth hat Thomas heimgeholt nach Venedig, wo er nie gewesen ist.

Die Bühne wird beherrscht von alten Radios der 40er- und 50er-Jahre in den verschiedensten Größen. Zwischen ihnen hat Jan-Peter Sonntag (Klang- und Lichtkonzeption) die Stimme des Dylan Thomas hin- und hergeschickt. Zwei Schauspielerinnen und drei Schauspieler wohnen auf und zwischen diesen Radios. Sie rezitieren Texte von Thomas auf Deutsch, von Aufbruch und Ankunft, von Erinnerung und Erwartung, bis der Hörer nicht mehr weiß, wo er ist.

Dann brechen Neuwirths Klangminiaturen auf ihn herein. Thomas' berühmtestes Gedicht Farn Hill schließt mit den Worten: "Oh als ich jung und leicht war im Vermögen ihrer Gnade,/ Hielt mich die Zeit grün und sterbend,/ Obwohl ich sang in meinen Ketten wie das Meer."
(wf/ DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 9. 2001)

Abenteuer in Sachen Haut.

Generalmusikdirektion,
Grieskai 74a.

25. 10., 22.00;

26., 28. und 29. 10.,
jeweils 20.00.
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    Dylan Thomas

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