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28. September 2001, 22:19
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Keine sechzig Kilometer vom legendären Khyber-Pass entfernt, hat die "Stadt der Blumen" (der Name Peshawar stammt vom Sanskrit-Wort "Pushpapura") im Laufe ihrer über 2000-jährigen Geschichte bereits Generationen von afghanischen Flüchtlingen gesehen. Allein während der sowjetischen Besatzung Afghanistans trieb es weit über zwei Millionen Menschen über die Berge nach Pakistan. Die überwiegende Mehrheit davon blieb im Land.

Nicht zuletzt deshalb beginnt Afghanistan im Bewusstsein vieler Pakistanis bereits am Fluss Indus, auf halben Weg zwischen Islamabad und Peshawar. Wieviele Flüchtlinge die jetzige Krise nach Pakistan getrieben hat, vermag noch niemand so recht zu sagen, Schätzungen schwanken von einer halben bis zu eineinhalb Millionen Menschen.

Eine Entwicklung, die für sozialen Sprengstoff in der Region sorgt - mit dem Unterschied, dass für die Mehrheit der Pakistani der Schuldige diesmal nicht die Russen oder die afghanischen Bürgerkriegsfraktionen, sondern die USA sind.

"Lang lebe Osama Bin Laden"

Auf den Straßen Peshawars ist dieser Zorn spür-, vor allem aber hörbar. Auf dem Basar in der Altstadt, dessen Stände hauptsächlich von Exil-Afghanen unterhalten werden, begrüßt man Ausländer wahlweise mit "Lang lebe Osama Bin Laden" oder "Tod den USA".

Der pakistanische Schriftsteller und Maler Raja Changez Sultan, als Direktor der Nationalen Künstlervereinung einer von Pakistans Vorzeigeintellektuellen, erklärt die aktuelle Situation aus der jüngeren Geschichte seines Landes heraus:

"Während des Krieges gegen die Sowjets haben wir Seite an Seite mit den Amerikanern gekämpft. Als der Kommunismus zusammenbrach, zogen sich die USA zurück und wir wurden mit Millionen von Flüchtlingen allein gelassen. Dass wir ihnen jetzt helfen sollen, Osama Bin Laden zu finden, kommt deshalb in den Grenzgebieten nicht außerordentlich gut an."

Erste Folgen

Die angespannte Situation hat in und um Peshawar bereits Folgen gezeitigt. Die sogenannten "Tribal areas", ein Gebiet, das in Peshawar beginnt und über das die Regierung in Islamabad de facto keine Verfügungsgewalt hat, wurde voerst für Ausländer gesperrt.

Zwar war das "Gebiet der eingeborenen Stämme" für Nicht-Pakistanis auch bisher nur unter massivem Schutz seitens der örtlichen Sicherheitsbehörden begehbar. Aber seit 23. September dürfen nicht einmal mehr Journalisten-Konvois den Checkpoint im Westen Peshawars passieren. Was in diesem "No man's land", in dem die Gesetze der Stämme gelten und das sich über 60 Kilometer bis zur afghanisch-pakistanischen Grenze zieht, im Moment passiert, weiss niemand.

Einkaufen mit der Kalaschnikov

An den Basaren am Übergang zur "Tribal Area" werden Waffen jeder nur erdenklichen Bauart angeboten, Halbwüchsige hantieren mit - exakt dem Original nachgebauten - Glocks, die Erwachsenen gehen mit der geschulterten Kalaschnikov Lebensmittel kaufen.

Diese Menschen lassen sich von niemandem vorschreiben, was sie zu denken oder für wen sie zu kämpfen haben - sicher nicht für Islamabad, aber auf gar keinen Fall gegen Osama Bin Laden und die Taliban.

Ein ehemaliger Mitarbeiter des pakistanischen Geheimdienstes ISI (Inter Services Intelligence) der anonym bleiben will, nährt die Legende vom unbeugsamen Bergvolk, dem es bislang noch jedesmal gelungen ist, erfolgreich Widerstand zu leisten: "Gib einem afghanischen Kämpfer eine Handvoll Reis und er wird über ein Monat damit auskommen und kämpfen. Aber zeig mir einen Amerikaner, der es eine Woche ohne Pepsi* aushält". (ks)

*In Pakistan hat Pepsi ein Quasi-Monopol errichtet. Coca-Cola ist in den Geschäften im Norden des Landes fast nirgendwo erhältlich.

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    Der Khyber-Pass

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    Basar in Peshawar

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    Flüchtlinge in Peshawar

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