Nicht Mitspielen

21. September 2001, 19:29
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Malin Schwerdtfeger verlässt sich auf die Kraft der leisen Töne.

Wenn Fabriken etwas produzieren, sondern sie meist Gestank ab. Die Anrainer gewöhnen sich daran. Die Tatsache, dass man sich an Schlimmes gewöhnt, ist historisches und praktiziertes Allgemeingut. Aber überall gibt es die eine oder den anderen, die oder der sich damit nicht abfindet.

Zum Beispiel Imi in der Titelerzählung von Malin Schwerdtfegers Debütband. Jeder Kubikmeter Luft im Dorf ist für ihre Begriffe vom Gestank der Molkerei verpestet. Doch eines Tages mieten "leichte Mädchen" das gegenüberliegende Haus, ätherische Wesen, die Zimtkaugummis lutschen und keine Bohrmaschinen bedienen können. Imi wird im Haus der leichten Mädchen das Mädchen für alles, und sie leistet sich gleichzeitig den Luxus, in der Arbeitswelt, repräsentiert von Frau Bock, Personalchefin der allmächtigen Molkerei, nicht mitzuspielen.

Dennoch gerät die ländliche Psychostruktur durcheinander, Finger werden gequetscht, Autos landen im Straßengraben. Bernie, der Milchfahrer, hetzt gegen das Bordell und beruft Gemeindesitzungen ein. Spätestens hier erwartet man, dass die weibliche Außenseiterin draufzahlt (wie etwa bei Nick Cave, And the ass saw the angel), aber nichts dergleichen, kein existenzieller Abgrund tut sich auf, sondern ein Happyend samt Bernie, der verstohlen das Bordell besucht. Der Reiz liegt im Detail: Imis Bild wird zudem durch eine geschickte Perspektivverschiebung (jüngere Schwester als zurückgenommene Ich-Erzählerin) sehr differenziert und plastisch.

Dass dieses Experiment (in jeder einzelnen Erzählung) gelingt, ist großteils auf die bildreiche und präzise Sprache zurückzuführen, mit der die Autorin sich der Wirklichkeit nähert. Es geht um Freundschaften, um Beziehungen zwischen Menschen, um Anstrengungen, Ordnung ins Chaos zu bringen. Meist versuchen sich bei Schwerdtfeger Außenseiterinnen in dieser Lebenskunst, jene, die nicht mitspielen, also jene, die erfahrungsgemäß über eine gesteigerte Auffassungsgabe verfügen.

Die 1972 geborene Studentin der Judaistik und Islamwissenschaft mit dem sympathischen Geschick für Namenserfindungen verlässt sich auf die Kraft der leisen Töne, ohne je ins gewollt Poetische oder ins Unkonkrete abzugleiten. Ihre Charaktere sind aus Fleisch und Blut, der Sprach- und Erzählfluss so wuchtig, dass der Verzicht auf die klassische Struktur der Shortstory mit Einleitung, Höhepunkt und Pointe keinen Buchweglegungsgrund darstellt. In Malin Schwerdtfegers Küche stimmt alles: die Dosierung, die Mischung, die Garzeit. Und so liegen mit Leichte Mädchen, als schmales Paperback mit zwei dunkelrosa Sandalen am Cover, die vermutlich erstaunlichsten Erzählungen vor, die im Deutschland der Nullerjahre entstanden sind.

Ob es die Tochter einer Hippiemutter ist, die als Trekking-Guide-Autorin durch die Welt gondelt und nach Yakbutter stinkt (Mein erster Achttausender), oder eine Katzensitterin in Israel, die dem krebskranken Tier zerschnittene Antibabypillen servieren soll (Vorstadtdämonen), oder ein Mädchen, das in Mutter-Abwesenheit den Haushalt samt Exfreund der Mutter schupft (Für gutes Betragen), die Figuren, meist in der Ich-Form, lassen keine Sekunde an ihrer Vitalität zweifeln. Auch wissen sie in entscheidenden Momenten, was gespielt wird. "Ich hatte immer ein Mädchen lieben wollen, (...) das vor allem alte kluge Männer liebten, so sehr, dass sie sich bald nur noch von dem einen Mädchen Kopien machen und Kaffee bringen lassen wollten", gesteht der frustrierte Exliebhaber (Asiatische Massage) beim Anblick seiner Aga, die nicht mehr mitspielt. Diese Klarheit führt zu glaubwürdigen Fiktionen, bis ins Detail komponiert, aber trotzdem locker, was sicher auch einem hervorragenden Lektorat zu verdanken ist.

So könnte der letzte Satz des Buches, "Ich bin ein Flüchtling, aber mit einer Menge Freimeilen", ein programmatischer sein für diese knallhart und konkret heraufbeschworene Welt, weil er die Synthese zwischen literarischer Ambition und Wirklichkeitssinn aufzeigt, wegen der es sich lohnt, Geschichten, die jemand anderer niedergeschrieben hat, von zusammengehefteten Blättern aus Papier abzulesen.

(Von Martin Amanshauser - DER STANDARD, Print, Album, Sa./So. 22.09.2001)

Malin Schwerdtfeger, Leichte Mädchen. Erzählungen. öS 113,-/EURO 8,20/144 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2001
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