"Erholung der US-Wirtschaft wird sich verzögern"

21. September 2001, 12:20
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Jörg Krämer, Chefvolkswirt bei INVESCO warnt vor Panikverkäufen

e-fundresearch / Frankfurt: Wie schätzen Sie die kurzfristigen Auswirkungen der dramatischen Vorfälle auf die amerikanische Wirtschaft? Jörg Krämer: "Die amerikanische Wirtschaft hat es in einer sehr, sehr schwierigen Situation getroffen. Die Wirtschaft in den USA befand sich ohnehin im Abschwung. Jetzt scheint es unwausweichlich zu sein, dass das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal sinkt. Die Amerikaner trauern, gehen nicht mehr in Geschäfte und sie halten sich mit dem Kauf von Autos und anderen Konsumgütern zurück. Der Luftvervehr wurde praktisch halbiert. All dies sind Faktoren, die es als wahrscheinlich erscheinen lassen, dass das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal sinken sollte. Im vierten Quartal ist es möglich, dass sich dieser Trend fortsetzt. Dann kommt es darauf an wie es weiter geht, das heisst wie schnell die amerikanischen Verbraucher wieder Vertrauen fassen." e-fundresearch / Frankfurt: Optimisten glauben, dass die versprochenen Ausgaben der US Regierung in Höhe von 40 Mrd Dollar die Wirtschaft in den Vereinigtenm Staaten sogar ankurbeln könnten. Jörg Krämer: "Das kommt auf den zeitlichen Horizont an. Auf mittlere und längere Sicht kann man dies durchaus bestätigen, aber jetzt kommt es darauf an, dass der amerikanische Verbraucher, der 60 Prozent des BIP in den Staaten ausmacht, nach dem Schock wieder Vertrauen fasst. Dies ist im Kern eine psychologische Frage und daher schwer zu beantworten. Die Rahmenbedingungen allerdings lassen Hoffnung aufkommen. Die Zentralbanken haben in einer konzertierten Aktion die Zinssätze heruntergefahren. Das schafft Vertrauen. Die amerikanische Regierung scheint besonnen zu sein den Schulterschluss mit den Allierten zu suchen und scheint Abstand zu nehmen von überstürtzten Aktionen. All diese Umstände könnte man als positive Faktoren beurteilen. Weiters kommt hinzu, dass die OPEC verhindern möchte, dass der Ölpreis über 30 Dollar pro Barrel steigt. Auch dies ist ein Faktor der stabilisierend wirken sollte, wenn jetzt nichts weiteres passiert, wie zum Beispiel neue Anschläge. Generell gesehen sind eigentlich die Weichen dafür gestellt, dass das Consumer Confidence in den nächsten Monaten wieder von steigender Tendenz charakterisiert wird." e-fundresearch / Frankfurt: Ein Militärschlag der Amerikaner steht im Moment unmittelbar bevor. Wird es dadurch zu weiteren Abschlägen im Markt kommen? Jörg Krämer: "In den Märkten ist derzeit natürlich viel eingepreist und die Unsicherheit über die Art der Militärschläge ist sehr gross. Wenn ein konkretes Ereigniss, wenn ein konkreter Schlag kommen wird, wird der Markt sicherlich noch reagieren. Wir werden uns zweifelsohne in den nächsten Wochen mit volatilen, durch Unsicherheit geprägten Märkten zu befasssen haben." e-fundresearch / Frankfurt: Wie sehen Sie die langfristigen Auswirkungen der Anschläge? Jörg Krämer: "Wenn keine weiteren Anschläge folgen und die skizzierten Rahmenbedingungen positiv bleiben, erwarten wir, dass der Verbraucher Zutrauen fasst. Dann kann man durchaus an dem ursprünglichen Szenario festhalten, das wir vor dem Anschlag hatten. Dabei sollte die US-Wirtschaft nach der Jahreswende auf die aggressiven Zins- und Steuersenkungen zu reagieren beginnen. Es hängt aber davon ab, ob diese Krise weiterhin gut gemanagt wird, um das Vertrauen der Konsumenten zu gewinnen. Nur dann können wir von dem Basisszenario ausgehen, dass nach der Jahreswende das Wachstum wieder anzieht." e-fundresearch / Frankfurt: Wie weit wirkt sich dieser Anschlag direkt oder indirekt auf die Wirtschaft in Europa aus? Jörg Krämer: "Auch die europäische Zentralbank hat ihre Zinsen um 50 Basispunkte gesenkt, am gleichen Tag wie die Amerikaner. Begründet wurde dies damit, dass das weltwirtschaftliche Umfeld nach den Anschlägen in den USA wenig optimistisch ist. Sie hat sich auch ausdrücklich auf das Vertrauen der Verbraucher bzw der Unternehmer bezogen, das es wieder herzustellen gilt. Offensichtlich sieht die EZB, dass der Euroraum keine Insel der Seeligen ist und nicht isoliert agiert." e-fundresearch / Frankfurt: Welche Empfehlungen können Sie Investoren, die bereits in europäische und amerikanische Aktien investiert haben, geben? Jörg Krämer: "Investoren die mittelfristig ausgerichtet sind würde ich nach den Kursverlusten die wir bisher miterlebt haben nicht empfehlen zu verkaufen. Sie müssen sich sicherlich darauf einstellen, dass die Kurse vielleicht noch etwas abrutschen, dass eine hohe Volatilität das allgemeine Klima beherrscht. Aber nach diesen Kursverlusten kann es sich mittelfristig nur verbessern. Für jemanden, der noch nicht in den Märkten drinnen ist, würde ich empfehlen abzuwarten, bis die Märkte sich gefangen haben und bis die Militärschläge eventuell ausgefüht worden sind, um dann eben in einem stabileren Umfeld einzusteigen. Es gilt für beide Gruppen von Investoren, dass die Märkte mittlerweile nicht mehr teuer sind."

Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt bei INVESCO in Frankfurt, gibt eine aktuelle Einschätzung des amerikanischen Kapitalmarktes. Die Erholung der US Wirtschaft wird sich seiner Ansicht nach wesentlich verzögern. Von Panikverkäufen wir bei den aktuellen Kursniveaus jedoch dringend abgeraten.

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  • Artikelbild
    foto: e-fundresearch.com
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