"Umfassende Revision der Traditionen der Philosophie"

21. September 2001, 00:30
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Jacques Derrida erhält am Samstag den Adorno-Preis

Frankfurt/Main - Der französische Philosoph Jacques Derrida erhält am Samstag, den 22. 9., den Theodor W. Adorno-Preis 2001. Die Stadt Frankfurt würdigt damit "das Werk eines der bedeutendsten Erneuerer der Gegenwartsphilosophie", wie es in der Begründung der Jury heißt: Er habe "die Traditionen der abendländischen Philosophie einer umfassenden Revision unterzogen"

Die Preis wird in der Paulskirche überreicht. Die Laudatio hält der Bochumer Philosophie-Professor Bernhard Waldenfels, der selbst ein Buch über Derrida herausgegeben hat. Das Preiskuratorium unter Vorsitz von Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) hatte sich einstimmig für den 71-jährigen Franzosen entschieden. Neben Waldenfels und den ständigen Mitgliedern gehörten dem Kuratorium die Kritikerin Silvia Bovenschen, der Dichter Durs Grünbein und der Soziologe Dirk Baecker an.

Der Preis wird seit 1977 im Drei-Jahres-Rhythmus vergeben. Er war bisher mit 50.000 Mark dotiert und ist nun erstmals mit 100.000 Mark (703.553 S) verbunden. Geehrt werden sollen hervorragende Leistungen auf den Gebieten der Philosophie, Musik, des Theaters und des Films. Frühere Preisträger waren der Soziologe Jürgen Habermas (1980), die Musiker und Dirigenten Michael Gielen (1986) und Pierre Boulez (1992) sowie der Regisseur Jean-Luc Godard (1995).

Derrida spaltet traditionell die Geister. Vielen gilt er als genialer Erneuerer der Philosophie, anderen als Blender, der mit unverständlichen Texten die Menschen an der Nase herumführt. 1992 wollten ihm Professoren der englischen Universität Cambridge die Ehrendoktorwürde verweigern. Seine philosophischen Aussagen seien "Scharlatanerie", er entziehe der Wissenschaft ihre Grundlage, nämlich die Unterscheidung zwischen richtig und falsch, schäumten die Kollegen. Derrida bekam die Auszeichnung schließlich doch.

Der Kern seines Denkens ist die Annahme, dass es keine absolute Wahrheit gibt. Verschiedene, auch sich widersprechende Deutungen betrachtet er gleichzeitig als wahr. Um dies zu beweisen, wendet Derrida eine Methode an, die als Dekonstruktivismus bekannt wurde. Dabei werden Texte so zerlegt, dass keine "wahre Interpretation" mehr möglich ist. Berüchtigt sind Derridas Texte, die selbst diesem Konzept folgen und von vielen als unverständlich angesehen werden.

Neben dem Begriff der "Dekonstruktion" ist eine andere Vokabel in seinem Werk zentral: "Differenz". Während die klassische Philosophie nach Einheit und Ordnung strebt, besteht Derrida darauf, Unterschiede stehen lassen, "das Andere" als Fremdes anzuerkennen. "Unter allen Tugenden Jacques Derridas", sagte sein Kollege Pierre Bourdieu, "ist die wertvollste seine Fähigkeit, einen kritischen Blick auf die Philosophie zu werfen".

Derrida nähert sich der Philosophie von deren Rändern aus: Erkenntnisse aus seiner Beschäftigung Kunst, Literatur, Politik und Psychoanalyse (er ist auch mit einer Psychologin verheiratet) flossen in sein Gedankengebäude ein. Diese "innovative Verbindung" war für die Jury ein weiterer Grund, Derrida zu ehren, bringt ihn dieser Ansatz doch in die Nähe zum Namensgeber des Preises, den Vater der "Frankfurter Schule", Theodor W. Adorno.

Derrida wurde 1930 als Sohn jüdischer Eltern in Algerien geboren. Dort hätte seine wissenschaftliche Karriere um ein Haar gar nicht begonnen: Mit zwölf musste er die Schule verlassen, nachdem die Quote der zugelassenen jüdischen Kinder halbiert worden war. Er überbrückte die Zeit mit Internaten. Später, in Paris, wurde er von einer Elitehochschule aufgenommen. Er beschäftigte sich mit Kierkegaard, Heidegger, Sartre, mit Nietzsche und Gide.

Als Dozent hatte er zunächst Lehraufträge an verschiedenen amerikanischen Universitäten. In den 1980er Jahren baute er in Paris das "College International de Philosophie" mit auf, später wurde er Direktor der "Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales" in Paris. In den 80er und 90er Jahren wurde er zum Protagonisten der Postmoderne und weltweit gelesen. Zu seinen berühmtesten Büchern gehört "Die Schrift und die Differenz" von 1972. (APA/dpa)

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