"Die fabelhafte Welt der Amélie": Gott Zufall in Paris

30. Juli 2004, 15:10
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"Die fabelhafte Welt der Amélie" und ihre vielen kleinen Wahrheiten, Lügen und Gemeinplätze

Diesen Film werden viele Leute sehr mögen. Oder: Dieser Film nervt ganz gewaltig. Jean-Pierre Jeunets "Die fabelhafte Welt der Amélie" hat Platz für viele kleine Wahrheiten, Lügen und Gemeinplätze.


Wien - Der Zufall ist eine Himmelsmacht, und als solche hat er die "göttlichen Fügungen" von einst nahtlos abgelöst - zumindest für jene Erzähler, die im Gefolge der Chaosforschung die Beziehung zwischen dem Flügelschlag eines Schmetterlings und einem Orkan auf alle Lebensbereiche übertragen.

Alles hängt zusammen - auch in der Fabelhaften Welt der Amélie, die der französische Regisseur Jean-Pierre Jeunet (Delicatessen und zuletzt Alien - Die Wiedergeburt) von Beginn an als Bestiarium zeigt, in dem Tiere nur unwesentlich von menschlichen Charakteren unterschieden sind: Der Blick auf beide ist gekennzeichnet durch einen Hang zu kühn gewählten Perspektiven, unnatürlicher Häufung von Primärfarben und einer heiteren Gelassenheit, der ein zerquetschtes Insekt, ein suizider Goldfisch und eine grotesk verunglückte Mutter gleich gültig (sic!) sind - als Exempel für eine Verkettung von Vorbestimmtheiten, in denen man sich am besten möglichst positiv einrichtet.

Kurz: Dieser Film geht einem, wenn man solche Skurrilitäten, untermalt von karnevalesker Musik und poetischen Off-Kommentaren nicht liebt, ganz gehörig auf die Nerven. Das legt sich aber, wenn erst einmal die Titelheldin eingeführt und etabliert ist: Eine in all ihren Neurosen überirdisch gütige junge Frau, die irgendwann einmal beschließt, allen Menschen in ihrer näheren Umgebung Gutes zu tun. Da wird dann ein Gartenzwerg auf Reisen geschickt, eine Nachbarin mit einem jahrzehntelang ersehnten Liebesbrief beglückt oder eine Arbeitskollegin in die Arme eines ebenso einsamen Mannes gelotst.

Auch das könnte nerven, wäre Audrey Tautou, die diese wunderbare Amélie verkörpert, nicht überaus plausibel und apart. Wie die Kamera immer wieder feine Härchen in ihrer Nackenpartie entdeckt - ein Gedicht!

Aber es ist dies wiederum das einzig "Reale", mit dem Jeunet zu beglücken weiß. In seinem Bestreben, den ultimativ poetischen, friedlichen Film - auch über die Stadt Paris - zu machen, verfällt er nämlich auf Methoden, die sonst mit Vorliebe Kriegs- und Actionfilme praktizieren: exzessive digitale Bearbeitung, viel Tricktechnik und unstete Blickbewegungen. Sein Film kommt also nie zum Tanzen, geschweige denn Schweben. Er tänzelt bestenfalls und hebt ganz brutal jumbojetartig ab. Darüber verliert er Paris wieder aus den Augen.

In Frankreich war Amélie für Millionen von Kinobesuchern ein immer wieder gesehener Film des Jahres. Für die Kritiker nicht.

Es kann aber sein, dass viele Leute zusammen lieber auf Jeunets Art und Weise träumen als wenige Menschen jeweils für sich. Die denken dann daran, wie französische Leichtigkeit früher in Filmen von Renoir, Clair oder Rohmer ausgesehen hat. Und sie vergleichen dann Jeunets Film einfach mit schmucken Videoclips. So betrachtet, ist Die fabelhafte Welt der Amélie ganz gewiss State of the Art - ein Beweis dafür, dass viele kleine Ideen oft den Mangel eines großen Gedankens ersetzen können. Oder viele Bildausschnitte eine große Perspektive. Und Audrey Tautou sehen wir im Kino der nächsten Jahre sicher noch ganz oft. Hoffentlich!
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 9. 2001)

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