Treue Teenager

17. September 2001, 13:13
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In der Wiener First-Love-Ambulanz lassen sich Teenie-Mädchen vor dem "ersten Mal" von Fachärzten beraten. Leiter Prof. Werner Grünberger spricht im Interview mit Mymed.cc über die aktuelle Einstellung der Jugendlichen zu Partnerschaft und Sexualität.

Das Interview führte Doris Simhofer

Mymed: Herr Professor Grünberger, Sie leiten nun seit neun Jahren die First Love-Ambulanz an der Wiener Krankenanstalt Rudolfstiftung. Hat sich die Einstellung der Teenager zu Liebe und Sexualität in dieser Zeit grundlegend verändert?

Grünberger: Sehr erfreulich ist, dass sich heute bereits etwa 1000 junge Mädchen pro Jahr an die "First Love-Ambulanz" wenden. Wir sind ein Team von drei Ärzten, drei Ärztinnen, vier Psychologinnen und drei Krankenschwestern, die über alle Fragen zu Sexualität, Partnerschaft und Verhütung informieren. Allgemein lässt sich sagen, dass die Jugendlichen heute deutlich bewusster mit ihrer Gesundheit umgehen als noch vor zehn Jahren. Das zeigt sich unter anderem an dem steigenden Interesse an unserem Beratungsangebot.

Mymed: Hat das gestiegene Gesundheitsbewusstsein auch Einfluss auf die Partnerschaften und sexuellen Beziehungen der Jugendlichen?

Grünberger: Allgemein lässt sich feststellen, dass die Bereitschaft zur Promiskuität geringer geworden ist. Die Jugendlichen führen heute eher monogame Beziehungen.

Mymed: Könnte dieser Trend mit einer neuen konservativen Einstellung zu tun haben, die in den USA unter dem Schlagwort "True Love Waits" bekannt geworden ist?

Grünberger: Dieser Trend, mit dem ersten Geschlechtsverkehr bis zur Hochzeitsnacht zu warten, ist in den USA bereits wieder passé, soviel mir bekannt ist. Bei uns habe ich nie etwas davon bemerkt. Statistisch gesehen haben die Mädchen in Österreich mit 15,3 Jahren ihren ersten Geschlechtsverkehr. Dieser Wert ist bereits seit 20 Jahren gleich. Die Schwankungsbreite ist allerdings groß. Manche Mädchen haben ihren ersten Geschlechtsverkehr mit 11, andere wieder erst mit 19 Jahren.

Mymed: Mit welchen Sorgen und Problemen der Jugendlichen sind Sie in den Beratungsgesprächen am häufigsten konfrontiert?

Grünberger: Ein hoher Prozentsatz der Mädchen hat seinen ersten Geschlechtsverkehr, um den Partner nicht zu verlieren. Das ist eine der häufigsten Problematiken unserer jungen Patientinnen. Viele Mädchen geben auch ihre Angst zu, sich mit Aids anzustecken und fragen nach der besten Vorsorge. Und viele von ihnen kommen auch in Begleitung ihrer Partner zu uns. Es ist eine erfreuliche Tatsache, die für unsere Einrichtung spricht, dass etwa ein Drittel der Mädchen Jungfrauen sind, die sich in der First Love-Ambulanz vor dem "ersten Mal" untersuchen lassen wollen. Ein Großteil der Mädchen lässt hier auch gleich eine erste gynäkologische Untersuchung durchführen.

Mymed: Welche Verhütungsmethoden werden von den Jugendlichen bevorzugt?

Grünberger: Die meisten Teenis wollen mit Pille verhüten. Wir raten eher zu einem Double-Touch, das heißt, ein Kondom aus gesundheitlichen Gründen gemeinsam mit der Pille zu verwenden. Die Spirale oder Hormon-Implantat ist für einen Teenager auf Grund von Nebenwirkung wie zum Beispiel verstärkter Blutungen nicht ideal. Die Indikation muss gerade bei dieser Altersgruppe hundertprozentig passen.

Mymed: Ist die Pille das ideale Verhütungsmittel für Teenager?

Grünberger: Nach 35 Jahren Erfahrungen mit und Entwicklungsarbeit an der Pille sind die Hormondosierungen heute nur mehr ein Siebtel so hoch wie zu Anfangszeiten. Frauen, besonders junge Frauen, haben so die Möglichkeit, trotz niedriger Hormonbelastung optimal geschützt zu sein.

Mymed: Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse lassen sich aus den Beratungsgesprächen und Untersuchungen ableiten?

Grünberger: Bis zum 10-Jahre-Jubiläum der First Love-Ambulanz im nächsten September wollen wir eine Studie präsentieren, die alle Aspekte der Pille als Langzeit-Kontrazeptivum beleuchtet.

Mymed: Herr Professor, wir danken für das Gespräch!



Die Rubrik "Das Interview der Woche" bringen wir in Zusammenarbeit mit unserem Partner

  • Artikelbild
    foto: medcommunications
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