"Desinformation und Masse": Medienkritik nach Terror

16. September 2001, 15:17
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"Nicht einfach nachplappern"

Die Dauer-Berichterstattung vieler elektronischer Medien über die Terroranschläge in den USA und ihre Folgen ist auf scharfe Kritik gestoßen. Die Vorwürfe reichen von Täuschung über mangelndes journalistisches Misstrauen bis hin zu Desinformation. Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Michel Friedman, kritisierte bei einem internationalen Medien-Symposium des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) im italienischen Montepulciano, dass bei der Berichterstattung zunehmend Qualität durch Masse kompensiert werde. Die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag schrieb in einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die Stimmen schienen sich zu einer Kampagne verschworen zu haben. Diese habe das Ziel, die Öffentlichkeit noch mehr zu "verdummen".

"Nicht einfach nachplappern"

"Die Journalisten sind in diesem Extremfall offenbar nicht in der Lage zu fragen, ob Osama Bin Laden einfach die bequemste und am leichtesten zu choreografierende Antwort auf die Frage nach den Drahtziehern der Anschläge ist", sagte Friedman einer Mitteilung des DJV zufolge. Er appellierte an die Journalisten, nicht einfach die Stellungnahmen von Politikern "nachzuplappern". Mit den Ereignissen der letzten Woche sei nicht nur eine neue Dimension der weltpolitischen Auseinandersetzungen erreicht worden, sondern es stellten sich auch neue Herausforderungen an den Journalismus der westlichen Demokratie.

Das Missverhältnis zwischen den dramatischen Ereignissen "und dem selbstgerechten Blödsinn und den dreisten Täuschungen praktisch aller Politiker (...) und Fernsehkommentatoren (...)" ist für Susan Sontag "alarmierend und deprimierend". Wo sei die Einsicht, dass es sich nicht um einen Angriff auf "Zivilisation", "Freiheit" oder die "freie Welt" handelte, sondern um einen Angriff auf die Vereinigten Staaten als Konsequenz auf deren Politik, Interessen und Handlungen, fragt die amerikanische Intellektuelle, die mit Büchern wie "In America" oder "Aids und seine Metaphern" bekannt geworden ist.

Mahnung zur Besonnenheit

Auch der DJV mahnt zur Besonnenheit. "Gerade in einer solchen Krisensituation müssten die Journalistinnen und Journalisten für Frieden, Völkerverständigung und Toleranz eintreten und pauschale Urteile vermeiden", erklärte der Bundesvorsitzende Siegfried Weischenberg am Samstag bei dem internationalen Symposium. Gerade dann, wenn einige Wahnsinnige die Welt in Schutt und Asche legen wollten, sollten Journalisten einen kühlen Kopf bewahren.

"Die Wirklichkeit hat die Fiktion mit diesen Bilder überholt", sagte der ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender der Kölner Tageszeitung "Express". "Hier läuft aber kein Spielfilm. Das ist ernste Realität. Deswegen haben wir eine hohe Verantwortung beim Umgang mit den Bildern." Diese würden nur dann zu einer Abstumpfung beitragen, wenn sie wie in einer Schleife wiederholt und nicht in ihren politischen Zusammenhang gestellt würden. (APA)

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