Die zweite Wirklichkeit

14. September 2001, 21:17
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Daniel Kehlmanns meisterliche Erzählung eines Fluchtversuchs

Ist der Ausbruch aus einem in vermeintlich festen Bahnen verlaufenden Leben in eine ganz andere Wirklichkeit möglich? Kann eine bereits bestehende Identität einfach verlassen, gelöscht und eine völlig neue kreiert werden?

Fragen, die zu den ältesten der Literatur zählen, aber in Zeiten virtueller Realität(en) mit verschärfter Radikalität noch einmal zu stellen sind. Wer sein Gehirn nicht ganz ausschaltet, wenn er sich an den Computer setzt, kann schon staunen über die bedenkenlose Unbeschwertheit, mit der einen Softwareprogramme geradezu dazu auffordern, ein anderer oder eine andere zu werden, denn die Einfachheit dieses Vorgangs ist ja tatsächlich verlockend: "Sie können jederzeit Ihr Kennwort oder Ihre Identität ändern. Klicken Sie dazu einfach im Menü ,Datei' auf die Schaltfläche ,Identität wechseln'." So lautet ein äußerst wertvoller "Tipp", der im elektronischen Postkasten des führenden Softwareherstellers mit verführerischer Regelmäßigkeit aufleuchtet. Der Anwender und die Anwenderin kann "Identitäten verwalten", "hinzufügen", "bearbeiten" und sogar "abmelden". Und es gibt so schöne Dinge wie eine "Hauptidentität" und "Nebenidentitäten" sowie die Möglichkeit, durch die bloße Wahl eines anderen Namens seine Identität zu wechseln. Wer käme da nicht in Versuchung?

Ich vermute fast, dass Daniel Kehlmann, Autor so bemerkenswerter Bücher wie Beerholms Vorstellung und Mahlers Zeit, bei der Arbeit am eigenen Rechner zur zentralen Thematik seines neuesten und bereits vierten Buches mit dem Titel Der fernste Ort gekommen ist. Er erzählt darin die Geschichte von Julian, einem Versicherungsangestellten mit philosophisch-akademischer Vergangenheit, der durch die Vortäuschung des eigenen Todes aus den vorgezeichneten Lebensbahnen auszubrechen versucht. Thule, der "fernste Ort" aus antiker Perspektive, wird dabei zum ideellen Fluchtpunkt.

Die Fragen nach der persönlichen Identität und ihrer Wandlungsfähigkeit werden geschickt verknüpft mit allgemeinen erkenntnistheoretischen Fragestellungen und ihrer speziellen Ausformung angesichts virtueller Realitäten. Der wohl fiktive niederländische Philosoph Vetering, der als Begründer der modernen Statistik und Vordenker eines binären Rechensystems ausgewiesen wird, privat aber sehr spekulativen Gedanken über den Tod und das Bewusstsein nachhängt und über den Julian eine wissenschaftliche Arbeit verfasst, sowie Julians Bruder Paul, kühles Mathematikgenie und Entwickler von Computerspielen, bilden den geistigen Rahmen, in dem Julians Erkundung des Veränderungspotenzials menschlicher Existenz stattfindet.

Kennzeichnend dafür ist ein Dialog, in dem Paul seinem Bruder den Inhalt eines Computerspiels schildert: "Im Moment zum Beispiel arbeiten wir an einem, in dem wir mittels künstlicher Intelligenz eine Raumschiffbesatzung vortäuschen, von der der Spieler langsam, nach und nach, gegen seinen Willen entdeckt, daß sie wesentlich schlechter ist, als er gedacht hat, daß sie seine Befehle falsch ausführt, aus Versehen oder mit Absicht, und eine Weile meint er noch, daß er einen Fehler gemacht hat oder daß wir einen Fehler gemacht haben. Aber dann wird ihm klar, und auf diesen Moment ist das ganze ausgerichtet, daß er von Feinden umgeben ist, daß alle ihn belogen haben, von Anfang an. Daß er nicht gewinnen kann." Ist dies nur die zynische Weltsicht eines Technokraten oder aber das Credo des Buches? Sind wir durch die Unmöglichkeit, unser Bewusstsein zu reflektieren und objektive Erkenntnis zu erlangen, dazu verdammt, bis zum Eintritt des Todes in einer subjektiven Illusion über die Welt und unser Leben dahinzudämmern? Und heißt sterben nur, in ein anderes Bewusstsein und eine andere Realität einzutreten? Ist der Tod eines Bewusstseins, einer Identität und einer subjektiven Realität an den physischen Tod gebunden oder ist er unabhängig davon möglich? Gibt es also so etwas wie die vollkommene Veränderung der Identität und des subjektiven Weltempfindens innerhalb eines Lebens? - Solchen und ähnlichen Fragen geht das Buch nach und versucht, sie auf exemplarische Weise zu beantworten.

Literatur ist - so sie mimetische Absichten hat - die fiktionale Erzeugung von Realität. Und ebenso alt wie die Fiktion ist auch die Zerstörung dieser fiktiven Welten durch verschiedene Formen des Illusionsbruchs. Literatur hat ihre eigene fiktionale Potenz immer wieder infrage gestellt, und insofern ist Kehlmanns Buch auch eines über das Urthema des Schreibens, die Erzeugung von Realität und die Zerbrechlichkeit dieser Fiktion. Wer David Cronenbergs Film ExistenZ gesehen hat, weiß, wie einfach es ist, dem Betrachter jeglichen Halt in der Geschichte zu nehmen, indem mehrere Fiktionsebenen ineinander geschoben werden. Ähnliches geschieht in Kehlmanns Erzählung. Dazu kommt das gezielte Verwischen der Grenzen zwischen Science-Fiction und Realismus. Wie aus Cronenbergs Film geht man deshalb auch aus diesem Buch hinaus, ohne so recht zu wissen, ob man eigentlich verstanden hat, welche Erzählebene nun die "wirkliche" ist, wo die eine "Wirklichkeit" aufhört und die andere anfängt, und ist damit dem Autor genau so auf seinen fiktiven Leim gegangen, wie er es vermutlich wollte. Auch sitzt die eigene Lebenshaut nach Beendigung des Buches plötzlich etwas locker, wirft gewissermaßen Falten, und man braucht ein paar Minuten, um wieder ganz sicher zu sein, dass man selbst doch ganz real ist.

Dies alles in eine spannende und sprachlich äußerst präzise Form gebracht zu haben - besonders hervorgehoben sei die beeindruckende Schilderung des Badeunfalls zu Erzählbeginn -, ist das nicht geringe Verdienst des erst sechsundzwanzigjährigen Autors. Ein gutes Buch, ein sehr gutes sogar!


(Von Nicole Katja Streitler - DER STANDARD, Print, Album, Sa/So, 15.09.2001)

Daniel Kehlmann, Der fernste Ort. öS 241,-/EURO 17,80/152 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2001. Kehlmann liest am 20. September um 18.45 Uhr im Literarischen Quartier Alte Schmiede (Schönlaterngasse 9, 1010 Wien) aus dem besprochenen Buch. Im Anschluss daran (20 Uhr) liest Josef Winkler aus seiner mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichneten Novelle "Natura morta".
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