Ausgeschaltet in Las Vegas

18. September 2001, 12:58
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Sie haben einst den Schein in der Wüstenstadt gewahrt. Nostalgiker wollen ihnen nun ein Comeback im Museum ver- schaffen: eine Tour zu den ausrangierten Leuchtreklamen am Neon Graveyard

Abermillionen von Glühbirnen setzen die Fassaden der Casino-Hotels am "Strip", dem Las Vegas Boulevard, in Flammen. Neonlichter stecken auch heute Nacht den Himmel über der Wüste in Brand. Laser streicheln die Sterne über der Spielermetropole im US-Bundesstaat Nevada. Die illustre Vergangenheit von Las Vegas ruht nur zwei Blocks vom Lichtermeer entfernt hinter Stacheldraht am Cameron Drive 5119. Nichts blinkt hier, am "Neon Graveyard". Friedhof der Neonlampen nennen die Einheimischen nicht ohne Ehrfurcht das Gelände im Industriegebiet, wo ausrangierte Leuchtreklamen ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Was da auf einer Fläche von rund 2000 Quadratmetern herumliegt, hat einst die Besucher in die Casinos gelockt, hat Elvis und Sinatra erstrahlen lassen, hat für Dean Martin und Sammy Davis jr. geleuchtet.

Auf dem Firmenhof von Yesco, der "Young Electric Sign Company", am Cameron Drive stapeln sich Werbungen längst abgerissener Hotels, "Vacancy"-Schilder und leuchtende Lockbotschaften aller Art. Sie waren nicht mehr zeitgemäß und wurden abgedreht. Heute kommen Nostalgiker hierher (oder Fremde, die sich verfahren haben), die dann ergriffen durch den Maschendrahtzaun auf die abmontierten Lockschilder spähen. Viele streifen um das Gelände, die Hände hinterm Rücken gefaltet - als wären sie in einem Museum und wollten bloß nicht in den Verdacht geraten, irgendetwas unerlaubt anzufassen. Etwa die Leuchtschrift-Lady mit 70er-Jahre-Frisur, die "Many happy returns" wünscht und doch selbst bereits das Zeitliche gesegnet hat. Oder die blütenweiße Leuchtwerbung einer demontierten Hochzeitskapelle neben den ehrwürdigen Schriftzügen längst abgerissener Hotels.

Manchen kommt der Neon-Friedhof seltsam bekannt vor, bis ihnen einfällt, dass sie ihn bereits als Kulisse für Videos bei MTV gesehen haben und sein größerer, inzwischen bebauter Vorgänger einst Set des Kino-Films "Vegas Vacation" mit Chevy Chase gewesen ist. Die Lichterfirma Yesco ist mit der Stadt gewachsen, sie ist Marktführer für die Illumination in der Gegend. Seit Ende der 40er-Jahre ist sie in Las Vegas vertreten.

Ihre Designer haben die blinkenden Leuchtschriften, die neonbestrahlten Foyers der Traditionshotels vom Golden Nugget bis zum Sahara entwickelt. Immer noch geht es aufwärts mit der Spielerstadt, Yesco hat gerade Stellen frei: Per Inserat im Internet wird ein computererfahrener Neon-Designer gesucht. Wenn es darum geht, immer neue Hotels zum Strahlen zu bringen, ist die Firma gefragt - wie vor ein paar Jahren, als im "Venetian"-Hotel, einer amerikanisierten 3036-Zimmer-Replik der italienischen Lagunenstadt, mehrere hunderttausend Glühbirnen und Neonröhren richtig arrangiert und im ausgeklügelten Rhythmus zum Leuchten gebracht werden mussten. 2424 Kilometer Kabel sind in dem Hotelneubau verlegt worden. Bei Hochzeiten rauschen 80 Megawatt durch die Leitungen - genug, so viel zumindest haben Statistiker errechnet, um zeitgleich 11.429 amerikanische Durchschnitts-Eigenheime mit Elektrizität zu versorgen.

--> Neon Graveyard

von Helge Sobik

Infos: Las Vegas Convention & Visitors Bureau München, Tel. 0049 / 89 / 23662162; lasvegas24hours.com
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    www.azcentral.com
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