Abgrundtief schön

11. Mai 2005, 15:56
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Die andalusische Route der weißen Dörfer führt zu spektakulären Schluchten, verträumten Orten und riesigen Olivenhainen

"Das wäre vielleicht ein Durcheinander", lacht Pepe nicht ohne Stolz und zieht an seiner fast abgebrannten Zigarette, "wenn alle Paläste, die man jemals in Ronda gebaut hätte, immer noch stehen würden." Außer Pepe wagt sich an diesem heißen Nachmittag keiner der 30.000 Einwohner auf den Hauptplatz. "Die kommen schon wieder, am Abend", erklärt er den schwitzenden Touristen.

Ronda, das wohl berühmteste der pueblos blancos, der weißen Dörfer, im kargen Bergland Andalusiens, war in den vergangenen zweieinhalb Jahrtausenden Heimat der unterschiedlichsten Völker. Arunda - umrundet von Bergen - nannten die Kelten 500 v. Chr. ihren auf einem 800 Meter hohen Felsen gelegenen Vorposten, ihnen folgten die Westgoten, im 8. Jahrhundert kamen die Mauren und blieben bis Ende des 15. Jahrhunderts. Napoleons Bruder wurde hier zum König von Spanien ernannt und Don Juan starb hier 18-jährig in den Armen seiner Gattin Margarethe von Österreich. Diagnose: Organschwäche. Obwohl Margarethe daraufhin Ronda verließ, trägt einer der sechs palacios noch heute ihren Namen.

Rainer Maria Rilke ließ sich in Ronda vom herrlichen Bergpanorama ebenso inspirieren wie Hemingway. Obwohl dieser öfter auf einem der 6000 Zuschauerplätze in der Stierkampfarena anzutreffen war als hinter der Schreibmaschine. Auch Orson Welles war von Ronda überaus beeindruckt. Sogar so sehr, dass er beschloss, auf ewig zu bleiben. Er liegt unweit der kreisrunden Kampfstätte begraben. Das imposante Gebilde mit Errichtungsdatum 1783 ist die drittälteste Arena Spaniens. Und somit auch weltweit.

Der Sand, auf dem sich Mensch und Tier meist einseitige Gefechte liefern, leuchtet in kräftigem Ocker. "Eine besonders nährstoffarme Sorte, damit kein Unkraut wächst", erklärt Pepe, ein aficionado. Mit ihm über Sinn und Sinnlichkeit des Stierkampfes zu diskutieren, kann dauern. Besonders wenn er über Pedro Romero, einer der berühmtesten Matadore, spricht, der während seiner Karriere vor 200 Jahren niemals verletzt worden war und insgesamt 5600 Stiere zur Strecke gebracht hat. Oder besser: haben soll. Die letzten zwei im Alter von 82. Angeblich.

Die Arena steht in El Mercadillo, der Neustadt. Von dort führt die Puente Nueva, die Neue Brücke, in die Altstadt. 42 Jahre hat es gedauert, bis diese technische Höchstleistung im Jahr 1783 endlich fertig gestellt war. 1741 war die alte Brücke eingestürzt, nur sechs Jahre nach ihrer Errichtung. Ihre Nachfolgerin ist seit über 200 Jahren trotz aller baulicher Pracht Rondas sicherlich das Wahrzeichen der Stadt. Wie ein gigantischer Keil, der eine 100 Meter tiefe Schlucht erzeugt, spaltet sie die in weiß getunkte Felsensiedlung in zwei Hälften. Das Innenleben der Puente Nueva ist ähnlich beeindruckend wie ihr Äußeres: Dort, wo früher Todeskandidaten auf ihre Hinrichtung warteten, warten heute Gäste eines Restaurants auf andalusische Köstlichkeiten. Selbst als Munitionsbunker musste das monumentale Bauwerk einst herhalten.

Auf der 250 Kilometer langen Route der weißen Dörfer ist Ronda wahrlich ein Höhepunkt, doch es lohnt sich die ganze Strecke. Diese beginnt in Vejer de la Frontera, etwa 30 Kilometer südöstlich von Cadiz, und endet in Castellar de la Frontera, einem alten Wehrdorf nördlich von Gibraltar. Besonders empfehlenswert sind kleine Abstecher zu herrlichen Ausblicken, Schluchten und verwunschene Oliven- und Korkeichenhaine - zum Beispiel Richtung El Bosque, Grazalema oder Zahara. Bei La Quinta führt eine schmale Straße zur Cueva de la Pileta, einer Höhle mit prähistorischen Malereien.

Für die gesamte Tour sollte man sich auf jeden Fall mehr als nur einen Tag Zeit nehmen. Und auf jeden Fall mehr als einen Abend. Denn aus einer lauen Sommernacht werden schnell zwei oder drei.

von Andreas Tröscher

Infos: Spanisches Fremdenverkehrsamt Wien,
Tel. 01 /512 95 80, Fax 01 / 512 95 81. tourspain.es. Einige Reiseveranstalter bieten das ganze Jahr über Rundreisen in Andalusien an, z.B. Neckermann Österreich, buchbar in Reisebüros.
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