Edle Schweine, ordinäre Helden

11. Mai 2005, 15:55
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Die berühmtesten und berüchtigtsten Konquistadoren stammen aus der eher unbekannten spanischen Provinz Extremadura. Nun möchte das Land der Entdecker vom internationalen Tourismus entdeckt werden.

Sie schwärmten aus wie anderswo die Heuschrecken und verbreiteten Angst, Schrecken und den Namen eines kleinen unbedeutenden Nestes in der ganzen Neuen Welt - die Conquistadores aus Trujillo. Seither liegt Trujillo nicht nur in der spanischen Extremadura, sondern auch in Venezuela, in Honduras und in Peru, die Siedlungen auf Hispaniola, auf Kuba, in Nicaragua, Kolumbien und in Chile sind irgendwann wieder von der Landkarte verschwunden.

Vom Original in der tiefsten Provinz im Westen Spaniens aus waren im 16. Jahrhundert viele Abenteurer aufgebrochen, um in der Neuen Welt ihr Glück zu machen. Francisco de Orellana, der mit seiner Truppe als erster Europäer den Amazonas hinunterfuhr, Diego García de Paredes, der Gründer des venezolanischen Trujillo, Alonso de Monroy, ein Begleiter Pedro de Valdivias durch Chile, der Chronist Diego de Trujillo Páez, der vor allem deshalb bekannt ist, weil er auch mit dem berühmtesten Mann aus Trujillo unterwegs war - mit Francisco Pizarro.

6500 Kilo schwer, überblickt dieser erbarmungslose Eroberer Perus und Zerstörer des Inka-Reiches heute, von einem Granitsockel aus, die Plaza von Trujillo. Pizarros Bronzestatue ist das Wahrzeichen des 15.000 Einwohner fassenden Ortes. Ein Pizarro-Museum liegt ein paar Gehminuten bergauf, im ummauerten ältesten Teil von Trujillo, sehr bescheiden im ehemaligen Wohnhaus des Helden.

Trujillo ist in den vergangenen 500 Jahren nicht viel gewachsen, aber die in Amerika geplünderten Schätze machten aus dem armseligen Ort eine stattliche Kleinstadt mit zahlreichen Herrenhäusern. Trujillo ist heute mit seinem mittelalterlichen, noch immer provinziellen Flair in seiner Gesamtheit eine Sehenswürdigkeit. Das hat sich bis zum 250 Kilometer entfernten Madrid bereits durchgesprochen, viel weiter allerdings noch nicht. Vielleicht liegt das daran, dass dem romantischen Plätzchen einzigartige Kunstwerke von internationaler Bedeutung fehlen.

Die enorme Dichte an Konquistadoren ist zwar für Trujillo besonders charakteristisch, gilt aber - in nicht ganz so extremem Ausmaß - für die ganze spanische Provinz Extremadura. Nicht ohne Ursache: Hier gab es zahlreiche verarmte Adelsfamilien, die nach dem endgültigen Sieg über die Mauren und der Vertreibung aller Juden 1492 nur noch wenig Hoffnung auf reiche Beute im eigenen Land hatten. Und der Heimatboden schien den Rittern allzu karg für den Aufbau einer blühenden Existenz. So trieb es Hernan Cortés (geboren im extremenischen Medellín) nach Mexiko, Vasco Nuñez de Balboa als ersten Europäer bis zum Pazifik, Hernando de Soto kam bis zum Mississippi, und Pedro de Valdivia schaffte es bis Chile, wo er die heutige Hauptstadt Santiago gründete.

Fünf Jahrhunderte später würde sich nun die von internationalen Gästen weitgehend unberührte Extremadura gerne als lohnenswertes Reiseziel präsentieren. Doch in einer Gegend, die nur dafür berühmt ist, dass ihre erfolgreichsten Einwohner so schnell und so weit wie möglich weg wollten, scheinen die Voraussetzungen dafür denkbar schlecht. Das ist allerdings nur eine Frage des richtigen Marketings.

Anders als in den fürs Massenentertainment hergerichteten Küstengebieten Spaniens oder dem mit Kunstwerken gesegneten Andalusien, ganz anders als in den Trendstädten Madrid und Barcelona kann in der Extremadura nicht mit perfekter Ausstattung und riesigem Freizeitangebot geworben werden. Hier liegt der Reiz gerade in der Kargheit der Landschaft, in der Unbekanntheit der Region, in der geringen touristischen Infrastruktur. Selbstverständlich gibt es Hotels, ganz wunderbare renovierte Klöster, Adelspaläste oder Landgüter, nur nicht an jeder Ecke. Die Suche nach Ansichtskarten kann zu einer Tagestour werden. Aber diese autonome Region, die von Portugal, Kastilien und Andalusien begrenzt wird, besitzt auch klassische Sehenswürdigkeiten, die mehr Beachtung verdienen würden.

So war Mérida, die Hauptstadt der Extremadura, einst die Kapitale des römischen Lusitanien und hatte vor 2000 Jahren mit 55.000 Einwohnern ein paar Tausend mehr als heute. Obwohl die gesamte Stadt auf römischen Straßen und Häusern steht, die zum Teil freigelegt wurden (nicht alle Funde werden gemeldet, da die Bewohner Angst haben, danach ihr Haus abreißen zu müssen), mutet Mérida nicht wie ein Freilichtmuseum an. Im Gegenteil: Natürlich sind das römische Theater und das Museum Touristenattraktionen, doch beim Flanieren durch eher unspektakuläre Gassen steht der Besucher völlig unvermutet vor einem ausgegrabenen Tempel oder dem Forum romanum.

Etwa 60 Kilometer weiter südlich bemüht sich Señor Medina seit Jahren vergeblich darum, seinen Landsleuten klar zu machen, wie wichtig eine Kommerzialisierung der Kostbarkeiten der Extremadura wäre. Er besitzt eine große Bodega in dem mit seinen weißen Häusern und zahlreichen Palmen schon andalusisch wirkenden Städtchen Zafra. Er wäre der Einzige hier, klagt der Winzer, den es störe, dass "Portugal und La Rioja unsere Weine kaufen und sie dann als ihre eigenen verkaufen". Und für den wertvollen Jamón de Jabugo, den Schinken der mit Eicheln gefütterten Schweine, bliebe der Extremadura die internationale Anerkennung auch versagt. Und das, obwohl zahlreiche (noch) lebende Beweise im Süden der Extremadura unübersehbar durch die kilometerlangen Steineichenwälder im Hügelland umherstreifen. Die berühmten Schweine werden hier in der Extremadura aufgezogen, nur geschlachtet und getrocknet werden sie dann im andalusischen Jabugo. Dort war man mit der Vermarktung dieser Leckerei schneller.

In Cáceres, der Hauptstadt der nördlichen Provinz der Extremadura, ist von der Weltvergessenheit Zafras oder Trujillos nichts zu spüren, besonders ein paar Tage lang im Mai nicht. Wenn Womad (World Organisation of Music and Dance) einmal im Jahr hier feiert, prallen die Kulturen aufeinander - "Hair" trifft auf Mittelalter. Tausende Jugendliche lagern mit Trommeln, Gitarren und Panflöten zwischen den Adelspalästen der Oberstadt, zur Gänze Unesco-Weltkulturerbe, neben sich die Literflaschen Aguila-Amstel-Bier, über ihnen prangen die Wappen der Ritter - 1200 sollen es in Cáceres sein. Misstrauisch blicken die zahlreichen Störche von ihren Turmnestern auf die lauten, fröhlichen Gäste, 60.000 Jugendliche kamen heuer in die 82.000-Einwohner-Stadt. Am Abend feiern sie unten, im neuen Teil der Universitätsstadt mit seinen zahlreichen Geschäften und Lokalen weiter.

Mérida mag zwar die Hauptstadt der Region sein, aber die für das Bild der Extremadura bedeutendsten Städte sind Trujillo und Cáceres. Hier befinden sich die monumentalen Bauten, die Adelspaläste, die Wehrtürme, die wichtigen Kirchen. Der spanische Schriftsteller Javier Cercas, der in einem kleinen Dorf in der Nähe von Trujillo seine Kindheit verbrachte, beschreibt, wie er als Kind die zwei Metropolen seiner Welt sah: Trujillo bot "den imposanten Eindruck einer Hauptstadt" mit der Plaza samt Pizarros Reiterstandbild als Zentrum. "Aber wenn Trujillo die Hauptstadt war, war Cáceres New York." Denn im Unterschied zu Trujillo sei Cáceres auch die Stadt der Politiker und Journalisten, hier passieren die entscheidenden Dinge.

Trujillo bleiben dann immer noch die großen Namen und unbändiger Stolz auf seine Eroberer. Diskussionen über die furchtbaren Folgen spanischer Conquista sind unerwünscht. Helden müssen Helden bleiben. Im kleinen Haus, wo Francisco Pizarro einst lebte, gesteht Guide José dem Besucher aus der Ferne: "Pizarro war ein unkultivierter Mensch, er konnte weder lesen noch schreiben und war nur an Gold interessiert." Warnend fügt er hinzu: "Aber das sagt man hier besser nicht laut."

Tipp Für Nächtigungen sind, wie in ganz Spanien, die staatlichen Paradores, etwa in Trujillo oder Zafra, zu empfehlen; außerdem gibt es einige sehr interessante, zu Hotels umgebaute Klöster oder Gutshöfe, z. B. Monasterio Rocamador, in Almendral (Provinz Badajoz), Tel. 0034 / 924 / 48 90 00, Fax 48 90 01. www.rocamador.com, E-Mail: mail@rocamador.com. Jedes Zimmer dieses ehemaligen Klosters ist anders liebevoll hergerichtet, etwa mit einem Hamam-artigen Bad oder mit dem Bett direkt unter dem Granitgewölbe. Bei Schlechtwetter kann der Aufenthalt allerdings auch aufgrund der Lichtverhältnisse in den Zimmern aufs Gemüt drücken. (DER STANDARD, Printausgabe 04/2002)

Eine Erkundungsreise von Renée Lugschitz

Infos

Spanisches Fremdenverkehrsamt Wien, Tel. 01/512 95 80, Fax 01/512 95 81.

www.tourspain.es

www.turismoextremadura.com

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