Auf dem Transit-Kontinent

11. September 2001, 14:27
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Europäische Umweltagentur zieht eine umfassende Verkehrsbilanz

Kopenhagen- Die durch den schnell wachsenden Straßen- und Luftverkehr verursachte Umweltbelastung nimmt weiter zu, wie aus einem neuen Bericht der EU hervorgeht. Der so genannte TERM 2001-Bericht wurde am Dienstag in Kopenhagen von der Europäischen Umweltagentur (EUA) im Vorfeld einer gemeinsamen Sitzung der Verkehrs- und Umweltminister der EU veröffentlicht, die an diesem Wochenende in Leuwen (Belgien) stattfindet.

Durch "beträchtliche Emissionen" von toxischen Schadstoffen und Treibhausgasen, die Erzeugung von Abfällen und Lärm sowie die Zerstückelung der Landschaft trage der Verkehr zur Schädigung der Umwelt und der Gesundheit der Menschen bei, sagte der Exekutivdirektor der EUA, Domingo Jimenez-Beltran. Die meisten Schlüsselindikatoren würden auf ungünstige Trends hindeuten oder zeigen, dass die Erfüllung der politischen Zielsetzungen für einen "grüneren" Verkehr noch in weiter Ferne liegt.

Warnung

Die EUA warnt davor, dass die aktuellen Trends auf ein Abweichen von der kürzlich angekündigten Zielsetzung der EU hindeuten, das Wirtschaftswachstum vom Ansteigen des Verkehrsaufkommens abzukoppeln und bis zum Jahr 2010 die Marktanteile des an die Schiene, die See und die Binnenwasserstraßen gebundenen Verkehrsaufkommens wieder auf den Stand des Jahres 1998 zurückzuführen. Der anhaltende Trend zur verstärkten Nutzung von Fahrzeugen und Flugzeugen führe zu einem schnelleren Wachstum des Personen- und Gütertransports im Vergleich zum gesamten Wirtschaftswachstum. Steigende Risiken für die Umwelt und die menschliche Gesundheit seien die Folge. Laut EUA wird durch den verkehrsbedingt steigenden Energieverbrauch und die Emissionen von Treibhausgasen lasse daeran zweifgeln, dass die EU ihre im Kyoto-Protokoll enthaltenen Zielsetzungen zur Bekämpfung der Klimaveränderung erfüllen kann.

Es seien aber auch einige positive Trends zu verzeichnen, wie geringere Luftverschmutzung auf Grund verbesserter Technologien und Kraftstoffe, hieß es. Daraus habe sich eine erhebliche Verbesserung der städtischen Luftqualität ergeben, auch wenn diese in vielen Städten noch immer gesundheitliche Risiken in sich berge und weitere Anstrengungen notwendig mache.

Umweltschutz

Was den straßengebundenen Güterverkehr betrifft, gab es der Agentur zufolge jedoch keine Verbesserung der Energieeffizienz. Auch bei der Schiene und den Wasserwegen gab es wenig Veränderungen. Und der Flugverkehr bleibe bei der Energieeffizienz trotz technologischer Fortschritte das ungünstigste Transportmittel.

Die EUA fordert ferner eine bessere Beachtung von Umweltschutz-Erwägungen in alle Bereiche verkehrspolitischer Entscheidungen, um das Verkehrswesen nachhaltiger zu gestalten. Für Jimenez-Beltran sind auch Maßnahmen im Tourismussektor erforderlich, da der Reiseverkehr die schnellsten Wachstumsraten des Passagiertransports verzeichne. Die Industrie wiederum müsse eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung von Produktions- und Verteilungssystemen mit größerer Transporteffizienz und die Verbesserung der Frachtlogistik übernehmen.

Externe Transportkosten

Die externen Kosten des Verkehrs in der EU machen etwa acht Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus, schätzt die EU-Umweltagentur (EUA) in ihrem Jahresbericht über Transport und Umwelt, der am Dienstag veröffentlicht wurde. Die aktuell eingehobenen Gebühren für den Straßenverkehr seien nicht unbedingt zu niedrig. Die Struktur der Abgaben sei aber ungeeignet, um die Verwendung verschiedener Transportmittel zu steuern. Auch führe das gestiegene Bewusstsein über die Probleme nicht unbedingt zu einem veränderten Verhalten der Menschen, dazu seien konkrete Anreize nötig.

In einige Staaten decken laut EUA die gesamten Abgaben auf Verkehrsmittel die entstehenden Kosten voll ab. Zur Stoßzeit würden Autofahrer aber viel höhere Kosten verursachen als sie zahlen, während die Kosten des Fahrens zu anderen Zeiten geringer seien als die für diese Fahrten entrichteten Gebühren. Damit gebe es zu wenig Anreiz, die Wahl der Verkehrsträger flexibel zu gestalten, hält die Umweltagentur fest.

Benzinpreis kein geeignetes Steuerungsmittel

Der Benzinpreis eignet sich nach Ansicht der EUA nicht zur Steuerung des Verkehrsaufkommens. Denn bei einer Erhöhung des Benzinpreises um 30 Prozent würden die Transportkosten nur um 6,8 Prozent zunehmen. Die Nachfrage nach Transport würde hingegen nur um 1,9 Prozent sinken. Die sozialen Kosten einer solchen Maßnahme könnten die Vorteile überwiegen, so die EU-Umweltexperten. Im Übrigen sei der Benzinpreis inflationsbereinigt auch Ende 2000 niedriger gewesen als in der ersten Hälfte der achtziger Jahre.

Per gefahrenem Kilometer und Person seien Autos mit Abstand das teuerste Verkehrsmittel vor dem Flugzeug und dem Autobus, heißt es in dem Bericht. Im Güterverkehr koste der Tonnenkilometer per Flugzeug zehn mal und per Lkw fünf mal so viel wie per Bahn.

Wie auch 1980 gehen 62 Prozent aller Verkehrsinvestitionen in die Straße, erhob die Agentur. So stieg die Zahl der Autos in den letzten 20 Jahren um 64 Prozent auf 451 Fahrzeuge je 1.000 Einwohner. Das Straßennetz wuchs im gleichen Zeitraum um 70 Prozent. 26 Prozent der EU-Haushalte kommen heute ohne Auto aus.

Lärm und Abgase

Der Verkehrssektor braucht heute 30 Prozent der gesamten Endenergie in der EU, hält der Bericht fest. Seit 1985 ist der Energieverbrauch des Sektors um 47 Prozent gestiegen und damit weit über den der gesamten Industrie. Zwar brachten Katalysatoren eine Verringerung des Stickoxidausstoßen um ein Viertel, doch stieg der CO2-Ausstoß im vergangenen Jahrzehnt um 15 Prozent. Heute ist laut EUA der Verkehr für 24 Prozent des vom Menschen verursachten CO2-Ausstoßes und für fünf Prozent aller Treibhausgase verantwortlich. Vor allem die Emissionen des Flugverkehrs würden dramatisch steigen.

Abgesehen davon leiden 30 Prozent der Europäer unter Lärmbelastung aus Straßenverkehr, jeweils zehn Prozent leiden unter dem Lärm von Bahn und Flugzeugen. Die Zahl der Straßenverkehrstoten ist seit 1980 zwar um 28 Prozent gesunken, liegt aber immer noch bei 41.000. Unfälle kosten 156 Mrd. Euro pro Jahr oder 2,3 Prozent des BIP der Union.

Der 60 Seiten starke Bericht ist am Internet auf Englisch unter dieser Adresse zu finden.
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