A-Bombe des kleinen Mannes

11. September 2001, 00:35
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Biologische Waffen lassen sich tödlich leicht produzieren

Wien - "Massenvernichtungswaffen" werden traditionell in drei Kategorien eingeteilt: Nuklearwaffen, chemische und biologische Waffen. Biologische Waffen (englisch: BTWA, biological and toxin warfare agents) lassen sich ihrerseits wieder einteilen in lebende Mikroorganismen (Bakterien, Viren oder Pilze) sowie Toxine, d. h. von Bakterien, Pilzen, Pflanzen oder Tieren produzierte chemische Stoffe von so außerordentlicher Giftigkeit, dass sie sich zur Vernichtung einer großen Anzahl von Menschen eignen und daher der Kategorie militärisch relevanter Waffen zugeschlagen werden.

Als "klassische" biologische Waffe gilt das Bacillum anthracis, der Milzbranderreger; aber auch Typhus, Gelbfieber oder Pest zählen zu dieser Kategorie. Der auf biologische Kampfstoffe spezialisierte US-Autor Richard Preston vermutet, dass weltweit in vielen heimlichen Labors auch noch Pockenerreger vorrätig sind - offiziell sind die Pocken seit dem Jahr 1979 ausgerottet. Biologische Waffen werden häufig als die "Atombombe des armen Mannes" bezeichnet, weil sie ungleich leichter hergestellt werden können als nukle- are oder chemische Waffen.

Die Beschaffung oder Herstellung der Ausgangsmaterialien, das nötige technische Know-how sowie der Produktionsaufwand für Atombomben oder chemische Kampfstoffe sind so groß, dass der Kreis der Länder, der sich solche Waffen leisten kann, von vornherein relativ exklusiv bleibt. Zudem haben diese produktionstechnischen Erfordernisse zur Folge, dass sie anderen Geheimdiensten kaum verborgen bleiben können.

Nach einer Einschätzung des amerikanischen Office of Technology Assessment - einer 1972 gegründeten Institution, die den US-Kongress mit Informationen über komplexe technologische Sachverhalte aller Art versorgt - wären zum Beispiel für die Herstellung chemischer Waffen in militärisch relevantem Ausmaß "Hunderte oder Tausende Tonnen von ungewöhnlichen Vorläuferchemikalien" vonnöten. Biowaffen könnten dagegen von jeder Nation hergestellt werden, die über eine "pharmazeutisch oder gärungstechnisch mäßig ausgereifte Industrieproduktion" verfügt - aber auch von terroristischen Einzelkämpfern, die über das entsprechende Know-how verfügen. So soll die japanische Aum-Sekte, die 1995 mit einem Giftgasattentat in der Tokioter U-Bahn für weltweites Aufsehen sorgte, auch mit dem Anthrax-Erreger experimentiert haben. Weil sich die Methoden zur Massenproduktion von biologischen Kampfstoffen nur wenig von denen unterscheiden, die zur industriellen Produktion von Joghurt, Bier, Antibiotika oder Impfstoffen eingesetzt werden, ist auch die Überwachung der Proliferation außerordentlich schwierig.

Die Herstellung von Biowaffen ist allerdings weit weniger kompliziert als deren Ausbringung: Eine Trägerrakete mit einem Gefechtskopf zu konstruieren, mit dem sich Krankheitserreger wirkungsvoll verbreiten lassen, würde ein erhebliches technisches Know-how erfordern. Zu kontrollieren oder auch nur vorherzusagen wären die Auswirkungen solcher Waffen kaum. Neuerdings werden immer wieder Vermutungen laut, dass gentechnologische Errungenschaften auch zur "Verbesserung" von biologischen Waffen eingesetzt würden, indem etwa Erreger auf spezielle Bevölkerungsgruppen zugeschneidert werden. Inwieweit solche Befürchtungen der Wirklichkeit entsprechen, liegt der Natur der Sache gemäß im Dunkeln. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. September 2001)

Von Christoph Winder
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    montage: derstandard.at
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