Ein Volk von Couch-Potatoes

10. September 2001, 12:16
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Eine aktuelle Studie der Wiener Ärztekammer zeigt: Bereits 27 % der Wiener Bevölkerung sind chronisch krank. Die Hauptursache: Bewegungsmangel. Univ. Doz. Renate Petschnig vom Wiener Donauspital sagt im Interview mit mymed.cc, warum es sich lohnt, die Faulheit zu überwinden.

Das Interview führte Doris Simhofer

Mymed: Frau Dr. Petschnig, als Fachärztin für physikalische Medizin und Rehabilitation sind Sie täglich mit den gesundheitlichen Folgen des österreichischen "Way of Life" konfrontiert. Welche chronischen Krankheiten und Beschwerden verursacht Bewegungsmangel?

Petschnig: Die mit Abstand häufigsten Erkrankungen als Folge von Bewegungsmangel sind Herzkreislauferkrankungen und Wirbelsäulenschäden. Leider sind die von der Wiener Ärztekammer erhobenen Daten typisch für ganz Österreich. Nur die Herzinfarkt-Statistik zeigt ein deutliches Ost-West-Gefälle, diese Erkrankung kommt in Wien häufiger vor.

Mymed: Welche körperlichen Veränderungen bewirkt Bewegungsmangel, wie wirkt er sich auf Hormone oder Vitaldaten aus?

Petschnig: Die negativen Auswirkungen chronischen Bewegungsmangels betreffen alle Organe, sowie Knochen, Muskeln und die Psyche. Umgekehrt hat regelmäßige Bewegung eben auch einen positiven Einfluss auf all diese Bereiche. Im Gehirn wird der Glücksbotenstoff Serotonin freigesetzt, die Haut und die Organe werden besser durchblutet, die Knochen werden durch die regelmäßige Zug- und Druckbelastung gestärkt, und die Muskeln bleiben fit durch den ständigen Spannungsreiz.

Mymed: Welches Ausmaß an Bewegung ist ideal, und was ist zuviel?

Petschnig: Im Rahmen einer ärztlichen Beratung ist das für jeden Menschen individuell zu entscheiden, dafür gibt es keine Grundrezepte. Man kann jedoch generell sagen, dass der Mensch pro Woche mindestens 2000 Kalorien in Form von motorischer Bewegung verbrauchen sollte. Ideal wäre aber ein Verbrauch von 3500 Kcal wöchentlich. Als Anhaltspunkt kann man davon ausgehen, dass bei einem Spaziergang über 6 Kilometer 210 bis 360 Kalorien verbraucht werden. Eine Stunde Tennisspielen verbraucht 270 bis 500 Kalorien eine Stunde Radfahren 250 bis 700 Kalorien, je nach körperlichem Einsatz.

Mymed: Um wie viele Jahre kann man sein Leben verlängern, wenn man moderates Bewegungstraining praktiziert?

Petschnig: Es geht in erster Linie darum, die Qualität seines Lebens zu verbessern und nicht seine Dauer zu verlängern. Entscheidend ist, die Lebensspanne so gesund und intensiv wie möglich auszukosten und so selten wie möglich krank zu sein. Und das lässt sich vor allem durch sportliche Betätigung erreichen. Zuviel Bewegung ist aber auch nicht gesund. Bei übertriebener Sportausübung kommen Stressfaktoren ins Spiel, die das Immunsystem schwächen und die Anfälligkeit für Infektionen erhöhen.

Mymed: Wie lange dauert es, bis ein Couch-Potato, der sich von heute auf morgen zu regelmäßiger Bewegung entschließt, einen Gesundheits-Benefit erfährt?

Petschnig: Die sichtbaren und psychologischen Auswirkungen sind sofort messbar. Die Menschen wirken sofort entspannter und glücklicher. Auf die Vitaldaten wie Blutdruck, Blutbild und Herzleistung wirkt sich kontinuierliches Bewegungstraining messbar nach rund drei bis sechs Monaten aus. Wird das Training wieder abgebrochen, werden die Vitaldaten aber auch gleich wieder schlechter.

Mymed: Mit welchem Bewegungsprogramm sollte ein Couch-Potato am besten beginnen?

Petschnig: Menschen über 35 Jahre, die noch nie oder schon lange keine Bewegung gemacht haben, sollten sich zunächst vom Arzt untersuchen lassen. Im Rahmen eines Gesundheits-Checks wird auch das adäquate, den persönlichen Vorlieben und dem körperlichen Zustand entsprechende Training empfohlen.

Mymed: Ist der derzeit boomende Laufsport tatsächlich das beste Ganzkörpertraining, wie es heißt?

Petschnig: Vom gesundheitlichen Aspekt geben neue Studien eher dem Walking, also dem schnellen, forcierten Gehen den Vorzug. Laufen ist für all jene optimal, die nicht übergewichtig sind und die keine Beschwerden oder Vorschädigungen an ihren Gelenken haben. Das Gehen kann aber jedem Menschen bedenkenlos empfohlen werden. Es ist die natürlichste Bewegungsform und kann ohne Aufwand immer und überall praktiziert werden.

Mymed: Frau Dr. Petschnig, wir danken für das Gespräch!



Die Rubrik "Das Interview der Woche" bringen wir in Zusammenarbeit mit unserem Partner

  • Artikelbild
    foto: mymed.cc
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