Vor 300 Jahren wurde die letzte "Zürcher Hexe" verbrannt

10. September 2001, 09:30
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Die Schweiz gedenkt eines "dunklen Kapitels"

Rafz - Vor 300 Jahren, am 15. September 1701 - 81 Jahre vor der letzten "Schweizer Hexe" Anna Göldin - wurde im Kanton Zürich die letzte Hexe hingerichtet. Bei einer Feier in Rafz haben am Sonntag Kirche und Politik des "dunklen Kapitels" gedacht. 1782 wurde im Glarnerland Anna Göldin als letzter Mensch in der Schweiz wegen Hexerei hingerichtet. Im Kanton Zürich starb 1701 Anna Rutschmann aus Wasterkingen im Rahmen eines Aufsehen erregenden Hexenprozesses als letzte "Zürcher Hexe" durch das Schwert.

Sie war die letzte von sieben Frauen und einem Mann, die im Rahmen des Wasterkinger Hexenprozesses - dem größten im Kanton - kurz nacheinander hingerichtet wurden. Anlass zum Monsterprozess war, wie so oft bei Hexenvernichtungen, ein von Armut und Neid geprägter Dorfstreit, bei dem sich zwei Parteien unversöhnlich gegenüberstanden.

Schuldige gefunden

32 Dorfbewohnerinnen und -bewohner schwärzten 1771 - im Klima ständiger Angst vor Unheil, Pest und Bränden - neun Mitbewohnerinnen und -bewohner wegen Hexerei beim Landvogt von Eglisau an. Solche Klagen waren häufig, die Anlässe dazu entsprechend banal: Aus Milch wurde kein Rahm, der Ochse blieb vor dem Pflug stehen, das Bein eines Kindes war plötzlich geschwollen oder die Haare einer Bäuerin waren voller Läuse.

Die Klagen überzeugten jedoch den für Prozesse zuständigen Zürcher Rat. Er befahl, die Angeklagten nach Zürich zu überführen. "Das Verhörprotokoll war die jämmerliche Niederschrift von Vorurteilen, Missverständnissen und abergläubischem Geröll", heißt es dazu im Programmheft des Theaters Kanton Zürich, das die Prozesse zum Anlass für das Stück "Halloween in Wasterkingen" (von Hannes Glarner) nahm, das am Wochenende in Rafz gezeigt wurde.

Mit Stumpf und Stiel das Übel ausrotten

Das Verhängnis nahm seinen Lauf, die Justiz schaltete die Kirche ein, die sich der Besessenen "annahm". Das Übel der Hexerei war mit Stumpf und Stiel auszurotten, im Zürcher Gefängnisturm Wellenberg wurden durch grässlichste Folter die Geständnisse erpresst, worauf Verurteilungen, Hinrichtungen mit dem Schwert und Verbrennung der Körper folgten.

Beim Gedenkanlass in der Kirche Rafz mit Regierungspräsident Markus Notter sagte Kirchenratspräsident Ruedi Reich, die blutige Verfolgung von Hexen im Mittelalter bis in die Neuzeit gehöre zum Dunkelsten, was sich in der Kirchengeschichte ereignet habe. Es sei traurig, dass auch die Reformation nicht mit den Hexenverfolgungen gebrochen habe, sagte der Vorsteher der reformierten Kirche des Kantons Zürich.

Reich erinnerte daran, dass der Mechanismus, der zur Hexenjagd führte, auch in der jüngeren Geschichte und bis in die heutige Zeit hinein wirke. Das Böse und Unerklärliche werde auch heute auf wehrlose Menschen projiziert. Nach diesem Muster hätten Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus immer wieder den Klassenfeind oder Volksfeind ausmerzen wollen. Auch in der Schweiz sei es noch nicht allzu lange her, dass man vorgegeben habe, genau zu wissen, was "unschweizerisch" sei und wie man dem begegnen müsse, sagte Reich.
(APA)

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