Erst spät berufen: Michael Blumenthal, Direktor des Jüdischen Museums in Berlin

9. September 2001, 20:19
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Der eigenen Vergangenheit erst spät gestellt

Als er 1997 gebeten wurde, als Direktor am Aufbau des Jüdischen Museums in Berlin mitzuwirken, nahm Michael Blumenthal das Angebot nach kurzer Bedenkzeit an: "Wenn man mich vor zwanzig oder dreißig Jahren gefragt hätte, wäre ich nicht nach Deutschland gekommen. Als ich zusagte, war mir bewusst, dass der Großteil der Deutschen erst nach dem Krieg geboren worden ist. Mir war klar, dass mit dem Holocaust auch der späteren Generation der Deutschen etwas angetan wurde."

Als 13-Jähriger musste Blumenthal mit seiner Familie 1939 Deutschland verlassen. Sein Vater Ewald, ein Unternehmer, war zuvor für sechs Wochen im KZ Buchenwald eingesperrt. Über den Brenner gelangte die Familie nach Neapel und per Schiff nach Schanghai, dem einzigen Ort, der sie aufnahm. Dort wurden die Deutschen später von den Japanern interniert. 1947 durften die Blumenthals in die USA emigrieren, wo dem Sohn der Einwanderer eine glänzende Karriere gelang:

Nach dem Studium an der Princeton-Universität wurde er Wirtschaftsprofessor, Manager in der Industrie und wechselte 1961 als Handelsberater von US-Präsident John F. Kennedy in die Politik. Präsident Jimmy Carter ernannte ihn 1977 zum Finanzminister. Nach der Rückkehr in die Wirtschaft drei Jahre später war er unter anderem Chef der Hightech-Firma Unisys.

Um seine Vergangenheit kümmerte er sich bis zu seiner Pensionierung nicht: "Die Vergangenheit war nur dazu da, vergessen zu werden." Doch zunehmend beunruhigte ihn, "dass ich so wenig darüber wusste, was in Deutschland wirklich geschehen war". So begab er sich auf die Suche nach seinen Vorfahren und entdeckte, dass zu seinen Ahnen die wegen ihrer Berliner Salons berühmt gewordene Rahel Varnhagen und der Opernkomponist Giacomo Meyerbeer gehörten.

1998 erschien Blumenthals Buch Die unsichtbare Mauer: Die dreihundertjährige Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie. Darin skizzierte er Lebensläufe von sechs Vorfahren und wob eigene Erinnerungen ein. Die Idee, jüdisches Leben in Zeitläufen zu erzählen, ist auch Grundlage der Ausstellung in Berlin.

Sein Engagement als Museumsdirektor sieht der 75-Jährige auch als Vermächtnis an seine vier Kinder aus zwei Ehen. "Man kann die Vergangenheit nicht ändern. Wichtig ist mir weiterzugeben, dass man auch mit Minderheiten friedlich zusammenleben muss." Den Deutschen zollt er für ihre Vergangenheitsaufarbeitung Respekt, in Österreich sieht er Nachholbedarf.

Blumenthal, der Deutsch akzentfrei spricht, bezeichnet sich als "stolzen Amerikaner", mit dem es die Wahlheimat gut gemeint habe. Als er zum Finanzminister ernannt wurde, sagte sein Vater: "In Deutschland hättest du das als Jude nie geschafft." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10. 9. 2001)

Von Alexandra Föderl-Schmid
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