Immer mehr Meldungen über vermutliche Viagra-Tote

8. September 2001, 14:42
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17 in den Niederlanden - 6 Verdachtsfälle in Österreich - 30 in Deutschland

Osnabrück - Die deutsche Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) will angesichts von bisher 30 möglichen Todesfällen in Deutschland darauf drängen, dass die Bedingungen für die Abgabe des Potenzmittels Viagra auf europäischer Ebene überprüft werden. Die Zahl der Todesfälle sei erschütternd, sagte sie der "Neuen Osnabrücker Zeitung" vom Samstag. Das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte habe die europäische Arzneimittelagentur zudem erneut aufgefordert, das Kosten-Nutzen-Risiko des Medikaments zu untersuchen.

Nach vorliegenden Erkenntnissen sei in sehr vielen Fällen die unsachgemäße Einnahme von Viagra schuld an den Todesfällen, sagte die Ministerin. So sei es auch von Patienten mit Bluthochdruck, Herz- und Kreislauferkrankungen eingenommen worden, obwohl das Mittel dann - potenziell - lebensgefährliche Wirkungen habe. Manche Konsumenten besorgten sich Viagra möglicherweise ohne Verschreibung über das Internet. Neuerdings würden Jugendliche Viagra mit Wodka einnehmen, um einen besonderen, aber hoch gefährlichen Push zu erleben. Da das Präparat auf europäischer Ebene zugelassen worden sei, habe die deutsche Regierung jedoch nur geringen Einfluss auf eine mögliche Verschärfung für die Abgabe von Viagra.

Niederlande

In den Niederlanden sind seit 1998 insgesamt 17 Männer nach Einnahme des Potenzmittels Viagra gestorben. Dies hat nach Medienberichten vom Samstag die Inspektion für Gesundheitsvorsorge in Den Haag mitgeteilt. Alle Opfer hätten zudem wegen Herzbeschwerden Medikamente eingenommen.

"Nach dem Begleitzettel hätten sie die Pille gar nicht nehmen dürfen," sagte eine Sprecherin. Ob die betroffenen Männer Viagra auf ärztliche Verschreibung oder auf illegale Weise erhalten hätten, sei nicht mehr festzustellen, teilte die Behörde mit.

Österreich

In Österreich wurden bisher sieben Todesfälle im Zusammenhang mit der Einnahme von Viagra registriert. Allerdings kann dabei nach Angabe von Renate Jentzsch vom Gesundheitsministerium lediglich von Verdachtsfällen die Rede sein.

Gefahr nur bei fehlender Arzt-Kontrolle

Der jüngste Fall vom März 2001 beziehe sich beispielsweise auf einen Mann, der nach der Einnahme der Potenzpille die Treppe hinunter in seinen Tod stürzte. Ein direkter Zusammenhang mit Viagra sei dabei nicht nachzuweisen, betonte Jentzsch. Oftmals werden die Medikamente via Internet bestellt, weshalb die Kontrolle durch den Arzt entfalle, beklagt die Expertin und beruhigt: "In jedem Falle gehört Viagra zu den bestüberwachten Medikamenten überhaupt."

616 Viagra-Tote

Die Potenzpille Viagra hat nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung seit ihrer Einführung 1998 in Deutschland bereits 30 Menschenleben gekostet. Das Blatt schreibt unter Berufung auf Informationen aus dem Gesundheitsministerium, in diesen 30 Fällen sei "dokumentiert, dass der Patient zu irgendeinem Zeitpunkt nach der Einnahme, häufig als Folge einer Herz- oder Kreislaufkomplikation, verstorben ist". Innerhalb der Europäischen Union seien dem Ministerium 77 und weltweit sogar 616 Viagra-Tote gemeldet worden.

Dementi

Ein Sprecher des deutschen Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte dementierte den Bericht der "Bild-Zeitung". Es gäbe keinen sicheren Nachweis für einen ursächlichen Zusammenhang, auch wenn dieser immer für möglich gehalten werden müsse.

Auch Jentzsch hält den Bericht für unglaubwürdig, da die Deutschen bei ernsten Bedenken verpflichtet seien, eine unmittelbare Warnung an die Mitgliedsländer auszugeben. Dieser Alarm sei allerdings nicht erfolgt.

Das Mittel war vor drei Jahren in der EU zugelassen worden. Schon frühzeitig warnte etwa das deutsche Gesundheitsministerium vor Risiken für Menschen mit schweren Herz-Kreislauferkrankungen. Laut Schaich-Walch gab es in der EU sowie Norwegen und Island insgesamt 77 Todesfälle, weltweit seien 616 Fälle registriert. Singhammer erklärte, die Einnahme der Potenzpille scheine "viel risikoreicher zu sein, als das bei dem mit großem Getöse vom Markt genommenen Lipobay der Fall war." Offensichtlich fehle es an Aufklärung.(APA)

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