Flüssige Geschichte

23. November 2005, 18:20
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"Warten auf Godot" im Pub mit ein paar Pints: eine literarische "Beisltour" durch Dublin

Dass man in Irland im Allgemeinen und in Dublin im Speziellen mit der Feder mindestens ebenso begabt umzugehen weiß wie mit dem Pint, ist klassisches Klischee - aber nur selten entspricht es so der Realität wie in dieser Stadt.

Dem gepflegten "Versumpern" in einer ebensolchen Lokalität der Stadt am Liffey kann man sich selbst als gefestigter Mensch nur schwer entziehen. Der Ruf Dublins als Hauptstadt der Pubs und die Fama über Trinkfestigkeit und Kontaktfreude der Bewohner reicht zumindest bis ins Mittelalter zurück. Auch heute genügt im Regelfall ein einziger Besuch im Pub, um zu erkennen: Beim Pint kommen einfach die Leute zusammen. Das trifft allerdings nicht immer auf die Betriebe im bekannten Amüsierbezirk Temple Bar zu, seit Jahren Ziel Nummer eins ausgehwütiger Dublin-Besucher. Die Auswüchse der berüchtigten "stag nights", Junggesellenpartys, zu denen man aus In- und Ausland extra anreist, waren selbst den nicht gerade zurückhaltenden Einheimischen zu viel. Lokalbesitzer versuchten, dem Problem mit Türstehern beizukommen. Worüber wieder die Stammgäste die Nase rümpften und wegblieben.

Doch Pubs mit Atmosphäre finden sich in den entlegensten Winkeln. Dazu schießen Lokale im Designer-Outfit vor allem in den neu belebten Stadtvierteln aus dem Boden wie die viel strapazierten Schwammerln. Man schätzt gutes Essen, dabei vor allem Fusion und Mediterranes. Nur mit Sushi hat man sich hier bis jetzt nicht wirklich angefreundet.

Dass auch Geschichtshelden und irische Autoren nicht nur in Türmen an ihren Werken gearbeitet haben, sondern ganz gern im "Davy Byrnes" oder dem "McDaid's" die Kehlen benetzten, mag zum Klischee beigetragen haben. Genau diesen Umstand macht die "Literary Pub Crawl" zum Programm. Die literarische "Beislrallye" ist eine der charmantesten Formen der Konfrontation mit Geschichte, Literatur und Lebensgefühl einer Stadt, die sich nachhaltig über die Feierfreudigkeit ihrer Bewohner definiert.

Akteure und Besucher verfügen sich nach dem Einstieg mit "Warten auf Godot" im "Duke" - wenn es sein muss auch bei strömendem Regen - in vier bis fünf weitere Pubs mit Geschichte, um mit Anekdoten aus dem Leben und Szenen aus dem Werk von Oscar Wilde, Michael Collins, ein irischer Freiheitskämpfer, und Brendan Behan konfrontiert zu werden, letzterer war übrigens laut Selbstdefinition ein "drinker with a writing problem", und gleichzeitig IRA-Aktivist, wofür er fünf Jahre seines kurzen Lebens im Gefängnis verbrachte. Das Publikum darf beim Quiz zum "Testen der Aufmerksamkeit" mit fundiertem Halbwissen glänzen. In den Pausen im "O'Neills" oder im "The Old Stand" wird es angehalten, die Atmosphäre der geschichtsträchtigen Orte mithilfe des einen oder anderen Pints in sich aufzunehmen. Die Biere können zur nächsten Station unauffällig mitgenommen werden. Gläser sollte man anstandshalber zurückbringen. (Luzia Schrampf, Der Standard, Printausgabe)

Buchtipp Seit mehr als 15 Jahren lebt der Journalist Ralf Sotschek in Dublin. In seinem jüngsten Lesereisebuch "Das Auge des keltischen Tigers" beschreibt der gebürtige Deutsche liebevoll Schickes, Skurriles und Düsteres aus der Hauptstadt des Wirtschaftswunders Irland - etwa die Angst der Busfahrer vorm Stadtteil Coolock, die wichtigsten Regeln der rauen Nationalsportarten Hurling und Gaelic Football, oder die Geschichte des Hotels Shelbourne, wo einst Hitlers Halbbruder als Kellner arbeitete.

Ralf Sotschek, Das Auge des keltischen Tigers: Dubliner Stories. Picus Lesereisen, Wien 2001, öS 203 / EURO 14,8.

"Dublin Literary Pub Crawl" Information:
Colm Quilligan Tel. 00353/1/6705602.


Irische Fremden-
verkehrszentrale: Bord Fáilte, Wien Tel. 01/ 914 13 51, www.irland-urlaub.de.


Dublin-Reisen: z.B. DodoTours, Gablenzg. 8, 1160 Wien, Tel. 01/492 40 95

BUCHTIPP
Ralf Sotschek,
Das Auge des keltischen Tigers: Dubliner Stories.
Picus Lesereisen,
Wien 2001,
öS 203 / EURO 14,8.
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