Ein Stück Österreich

5. September 2001, 19:12
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Das Hotel Sacher feiert am Sonntag seinen 125. Geburtstag - ein Stück österreichischer Selbstinszenierung

Wien - Tradition. Die ist alles. Außerdem eine Funktion des Zeitgeistes. Davon ist Elisabeth Gürtler überzeugt. Und wer ihr nicht glaubt, den führt die Sacher-Chefin in die Butterfly-Suite: Für 45.000 Schilling pro Nacht lässt sich hier kaiserlich-königlich-wienerische Tradition sogar bewohnen. Mit Blick auf die Oper.

Tradition. So wie es immer gewesen sein muss, seit das Sacher vor 125 Jahren eröffnet hat. Und das - Kraft der Geschichte und der G’schichterln - stets gegen die Konkurrenzklausel der Oper verstieß: "Der Käufer verpflichtet sich, die erkauften Häuser in keinem Fall mehr zu Theaterzwecken zu benützen."

Makulatur: Neben Film-, Buch- und sonstigen Auftritten des Hauses selbst ist "das Sacher" Ort der permanenten Inszenierung. Auch der Österreichs, wie es sich gerne sieht: mondän, geliebt, einmalig. Traditionsverbunden. Trotzdem modern, nicht auffällig.

Schließlich, betonen die Direktorin (Elisabeth) und die Erbin (Alexandra), während sie in der Direktion - Zimmer 100 - in Glückwünschen und Anmeldungen zur Matinee untergehen und die Einführung des 48-Stunden-Tages fordern, ist "das Sacher nicht nur das Sacher, sondern ein Wahrzeichen Österreichs".

"Trendiges" Wahrzeichen

Ein "trendiges" Wahrzeichen. Ebendies zu beweisen bitten die Gürtlers in die Suite: Sähe die aus wie vor zehn, 15 Jahren, "hätten wir ein Problem" (Alexandra): Farbe gab man früher kräftiger. Details üppiger. Nur Nuancen? Elisabeth Gürtler schüttelt den Kopf. "Als ich vor 28 Jahren die Bäder sah, waren die rot, blau und braun. Das war damals modern. 1990 kam ich wieder und dachte ,Oh Gott, das kann man niemandem zumuten‘."

Freilich: Ein Hotel - erst recht das Hotel - ist mehr als die zeitgeistige Summe seiner Nasszellen. Aber die Kleinigkeiten machen den Unterschied, der das Überleben in der Epoche der großen Ketten sichert. Das Sacher ein Nischenprodukt? Die langjährige und die - nach Lehr- und Wanderjahren durch die ersten Häuser der Welt zurückgekehrte - 26-jährige Juniorchefin sind ein bisserl empört. Aber das Atout ist trotzdem das Kleine, die menschliche Größe: Persönliches. Nichtaustauschbares. Geschichte.

"Nach Flair", umreißt darum Alexandra Gürtler, "suchen auch die Ketten." Das Sacher hat es. Noch dazu weiblich. Denn dass mit der legendären Anna Sacher schon am Anfang eine Frau das Regiment im Haus führte, passe nicht nur wegen der Historie ins Bild mit modernem Anstrich: Die Rolle der Gastgeberin sei mit Frauen meist besser besetzt.

Die Österreichtorte

Die Marke. Der Gattungsbegriff: die Torte. Auch so ein Stück Österreich: so süß, dass die Grenze zum Zuviel verschwimmt - aber (auch) genau deshalb ein Welterfolg.

Ein Viertel der Sacher-Einnahmen ist Torte - und die Damen Gürtler sind nicht sicher, ob sie lachen oder weinen sollen, wenn eine andere "Sachertorte" auftaucht, mit der jemand mitnaschen will: Auch wenn Elisabeth Gürtler von "Schmarotzern" spricht, weiß sie, dass die Verbreitung des Namens jener Torte, die in Heimbacköfen weltweit gebacken wird, essenzieller Bestandteil des Erfolges der Marke ist. "Ich weiß nicht, wie ich das sehen soll."

Viel Zeit, darüber nachzudenken, bleibt der Opernballorganisatorin ("ich lege Wert darauf, diese Funktionen streng zu trennen") derzeit aber ohnedies nicht: Zur Geburtstagsmatinee am Sonntag in der Oper haben zu viele "Freunde" zugesagt. Wenn da ein burgenländischer Operettenintendant in der zweiten Reihe einer Loge landet und dies nicht standesgemäß empfindet, ist Fingerspitzengefühl gefragt. Aber das, lächelt Alexandra Gürtler, gehöre auch zur Sacher-Tradition. Und sei vom Zeitgeist unabhängig. Ausnahmsweise.

(Von Thomas Rottenberg, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 6.9.2001)

Wenn am Sonntag das Hotel Sacher mit einer Matinee in der Oper seinen 125. Geburtstag begeht, feiert ein Stück österreichischer Selbstinszenierung: Prachtvoll, aber oft an der Kippe, ins allzu Süßlich-Klebrige abzugleiten.

Hotel Sacher

  • Elisabeth (links ) und Alexandra Gürtler
    foto: standard/cremer

    Elisabeth (links ) und Alexandra Gürtler

  • Artikelbild
    foto: standard/cremer
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