"Kunst muss Wissenschaft behilflich sein"

4. September 2001, 19:37
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"Faust: Was dürfen Kunst und Wissenschaft heute noch wollen?" war das Thema einer Montagsdiskussion des STANDARD und Radio Wien

Wien - Wollte man wissen, was Kunst und Wissenschaft heute wollen, könnte man einfach die Beteiligten fragen. Aber bei "wollen dürfen" wird der Wille durch eine ethische Erlaubnis relativiert. Mit Goethes Drama Faust als "Vor-Wort" zur STANDARD-Montagsdiskussion im Wiener Haus der Musik bekam die Frage "Was dürfen Kunst und Wissenschaft heute noch wollen?" eine Wendung ins Prinzipielle.

Peter Stein, Regisseur des vollständigen Faust, der am Wochenende in Wien Premiere haben wird, leitet ein: "Das Leben von Menschen, die glauben, alles wollen zu dürfen, wurde vom Theater sehr oft benutzt, auch in der griechischen Tragödie. Gleichzeitig steht der Vorstellung, man könne und dürfe alles machen, die Erfahrung des Gegenteils entgegen." Menschlicher Tätigkeit folge Bestrafung, Scheitern - die einzige Möglichkeit sei, aus dem Scheitern zu lernen. Bereits die nächste Tat zeige jedoch, dass dieses Lernen nichts genützt hätte, weil genau dasselbe wieder passiert, so Stein über den Ablauf der griechischen Tragödie.

Hilfsmittel

Goethe hat sein Stück eine Tragödie genannt: Faust, der als Wissenschafter alles erforschen will, "merkt, dass er das nicht kann, und sucht nach Hilfsmitteln, bis in seinen Drang von Mephistos interveniert wird, der Fausts Tätigkeiten in andere Richtungen lenkt, mit katastrophalen Folgen, aber immer im Bestreben nach einem großen Projekt", sagt Stein. Das Scheitern "wird in jedem Fall erfolgen, und jedes Scheitern ist eine Art von Tod. Am Ende stirbt Faust, ohne dass er sein größtes Projekt - die radikale Veränderung der Naturverhältnisse - durchführen konnte."

Von der Tragödie in die Gegenwart: Kann man mit dem Instrumentarium Faust Schlüssiges über die heutige Situation des Forscherdrangs aussagen? Der Vorsitzende der österreichischen Bioethik-Kommission, der Reproduktionsmediziner Johannes Huber, hält den wissenschaftlichen Pessimismus im Stück zwar für die Zeit Goethes gerechtfertigt, heute jedoch nähere sich der Wissenschaftspessimismus einem Endpunkt: "Die Welt", so Huber, "lässt sich mit den Instrumentarien des 18. Jahrhunderts nicht erfassen, deswegen wandte Faust sich auch anderen Dingen zu. Heute hingegen, wo man den molekularen Aufbau des Lebens kennt und Gewebe züchten kann, hat man - auch durch die Genetik - zumindest das Verständnis für Begriffe wie Mensch, Sein und Person."

Laboratoriumsszene

Werner Welzig, Präsident der österreichischen Akademie der Wissenschaften und Professor für deutsche Literaturgeschichte an der Uni Wien, hält "die Prämisse, dass Goethes Drama der Vorort der modernen Wissenschaft ist, für Unsinn: Neben dem Obergermanisten Stein tu' ich mir als Untergermanist natürlich schwer - aber mir sind nur zwei Wissenschaftssatiren aus dem Stück präsent - eine davon ist die Laboratoriumsszene: Was ist denn da mit dem großen Wissenschafter? Ganz ängstlich ist er, wie's weggeht nach Walpurgisnacht, und fragt: ,Und ich?' - Die Antwort ist: ,Du bleibst zu Haus' - das ist das Schicksal des großen Naturwissenschafters im zweiten Teil des Stückes", so Welzig.

Die Vorgabe von Goethes Drama als Vorort der Situation der modernen Wissenschaft zeige "eine Unsicherheit, ob man mit Literatur Leute heute überhaupt noch beschäftigen kann: Ich brauche einen Vorsitzenden der Bioethik-Kommission und die Stammzellenforschung, um über Homunculus diskutieren zu können. Das ist ja die eigentliche Verzichts- und Verlusterklärung von uns."

Huber, der Angesprochene, repliziert sogleich: "Es steht Ihnen natürlich zu, wie ein Akademie-Mitglied zu sprechen, aber bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass es zu einem Kunstwerk gehört, von Menschen unterschiedlich gedeutet zu werden."

Für Joachim Angerer, Abt des Stiftes Geras im Waldviertel und zugleich Landwirt und Unternehmer, ist Faust "ein Kunstwerk, bei dessen Lektüre ich mich als Mensch bewegt fühle - auch in meiner Verantwortlichkeit. Und genau das ist der Bezug zu heute: darüber nachzudenken, wo ich stehe und was ich dazu beitragen kann, dass gewisse Erfahrungen sich nicht wiederholen", sagt Angerer. Die Wissenschaft müsse vorandrängen, die Kunst hingegen dabei behilflich sein, "dass wir durch die Wissenschaft nicht in die Irre gehen".

Frage der Ethik

Die Entscheidung, was man tun dürfe und was nicht, sei "natürlich auch eine Frage der Ethik", die sich für Angerer im Wissen um die Sachverhalte und in einer philosophischen Haltung begründet. Die Moral der Kirche, so der Abt, sei "offenbar" nicht mehr imstande, alle Fragen beantworten zu können: "Wir brauchen daher einen Dialog, der alles einbezieht, statt von vornherein schon zu urteilen. Die Wissenschaft muss weitergehen, und gleichzeitig kommt es bei der Auswertung von Erkenntnissen darauf an, zu welchem Zweck - es geht daher um die Wahrung von Grenzen."

Wollen und Neugier

Für Werner Welzig kann es eine "Eingrenzung des Wollens und der Neugier nicht geben: Wenn wir anfangen, Köpfen die Grenzen vorzugeben, bis wohin sie nachdenken dürfen, können wir universitäre Einrichtungen zusperren. Was an Gedanken hingegen umgesetzt wird, ist eine Frage, die auf politischer und gesellschaftlicher Ebene zur Diskussion kommt."

Für den Mediziner Huber ist die Frage der Umsetzung "eine Frage der Selbstbeschränkung und des Ethos, die aus der Weltanschauung resultieren kann: Ich glaube sehr wohl, in Goethes Stück die Dialektik zwischen dem Machbaren und dem Erlaubten entdeckt zu haben. Die Wissenschaft wird alles, was sie machen kann, machen - die Frage ist, ob es ethisch vertretbar ist. Die Medizin ist auf dem Weg, zu gut zu werden - zu gut, um zu überleben. In den G-7-Staaten gibt es bereits jetzt eine Zunahme der Lebenserwartung, und sobald die Medizin alle Instrumente auf den Tisch legt, die sie in der Schublade hat, wird die Lebenserwartung so sprunghaft steigen, dass keiner für die Folgen gerüstet sein wird", sagt Huber.

"Faust ist übrigens am Schluss über 100 Jahre alt", bemerkt Stein und fragt: "Was kann die Kunst? Eine Beschränkung künstlerischer Ausübung am Theater ist absoluter Unsinn, denn eine der schönsten Erfahrungen am Theatermachen ist, eine Grenze, die bis dahin bestand, zu überschreiten. Wenn aber alle Masken abgerissen, alle Konventionen zerstört und alle Grenzen überschritten sind, fehlt der entscheidende Genuss am Theater." Der Schritt zurück vom Nonkonformismus sei schwer - Theatermacher sollten sich also genau überlegen, was sie tun, von der Vergangenheit lernen und sich ihre Grenzen selbst auferlegen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.9.2001)

von Eva Stanzl

Am Samstag im ALBUM: Das große Interview mit Peter Stein zu seiner Inszenierung des gesamten "Faust"; Premiere am 8. 9. im Kabelwerk in Wien-Meidling.
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