Sich mal für einen Abend ganz elisabethanisch fühlen

4. September 2001, 11:36
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Shakespeares Globe-Theater in London zieht immer mehr Besucher an

London - William Shakespeare war Mitbesitzer des Londoner Globe-Theaters an der Themse. Die meisten seiner großen Stücke schrieb er für diese Bühne, wo die Zeitgenossen sie ganz anders als in heutigen Theatern sahen. Weniger als 200 Meter von Shakespeares ehemaligem Theater entfernt wurde 1997 ein neues Globe-Theater eröffnet, das den Geist jener Zeit zu rekonstruieren versucht. Seit der Eröffnung steigen die Besucherzahlen stetig an.

Im runden, mehrstöckigen Zuschauerraum unter freiem Himmel und auf Holzbänken darf man sich wie im elisabethanischen Zeitalter fühlen. Publikum und Schauspieler können spontaner aufeinander reagieren, denn die Besucher sitzen nie im Dunkeln. Das Haus entstand nach Bauplänen von Theo Crosby, die dem Original Shakespeares so nah wie möglich kommen wollten.

Rekonstruktion

Alte Stiche, Landkarten, zeitgenössische Verträge, Ausgrabungen und sogar mündliche Überlieferungen wurden beim Bau des neuen Hauses am Themseufer hinzugezogen: Ursprüngliche Pläne oder Zeichnungen existieren nicht mehr. Deshalb ist das Globe auch keine Rekonstruktion. Man legte beim Bau dennoch größten Wert aufs möglichst authentische Detail. Selbst die benutzten Materialien - wie etwa 36.000 handgefertigte Ziegelsteine - entsprechen weitgehend den zu Shakespeares Zeiten verwendeten.

Das neue Globe ist sowohl elisabethanisches Theater als auch eine Bühne des 21. Jahrhunderts: Bei historischen Stücken werden historische Instrumente verwendet, aber die Bühne wird elektrisch beleuchtet. Stücke aus dem 16. Jahrhundert werden nicht in damaliger Manier gesprochen, doch die Kostüme entsprechen der Mode jener Zeit.

Repertoire über Shakespeare hinaus

Sehr bewusst will sich das Theater nicht allein auf Shakespeare-Aufführungen spezialisieren, die die Stücke des Barden musealisieren. Das Haus unter der künstlerischen Leitung von Mark Rylance unternimmt beständig Anstrengungen, neue innovative Shakespeare-Lesarten auf die Bühne zu bringen. In dieser Spielzeit etwa gab eine japanische Truppe die "Komödie der Irrungen" in japanischer Sprache, "Macbeth" trat als ironischer Salonlöwe im schwarzen Smoking auf, ließ Schwerter und Dolche vermissen und ersetzte Blut durch Goldlametta. Im April war die Geschichte des machtgierigen schottischen Königs in einer Zulu-Version zu sehen.

Die Spielzeit im Rundbau mit dem nicht überdachten Zuschauerraum dauert von Mai bis September. Im Eröffnungsjahr kamen 200.000 Zuschauer, jetzt waren es schon 240.000. Der Standort am Themseufer, unweit von National Theatre und National Film Theatre, ist ausgesprochen attraktiv: Gegenüber liegt die St. Paul's Kathedrale, und vom Zuschauerraum ist nachts die erleuchtete Turmspitze der Tate Modern zu sehen. Die Zuschauer kommen wegen des Gesamterlebnisses von Ort und Spektakel: In kaum einem anderen Theater wird so viel fotografiert und auf Video aufgenommen. Dann aber lauschen sie still und andächtig und machen kaum Gebrauch von der am Eingang ausgehängten Aufforderung, in der Manier von Shakespeares Zeitgenossen Essen und Getränke mit in den Zuschauerraum zu nehmen.

Rahmenprogramm

Das Globe mit seinen 1.600 Sitzplätzen steht nicht nur für elisabethanisches Freilicht-Theater. Es bietet das ganze Jahr hindurch Besichtigungsmöglichkeiten, Lesungen, Workshops und Kurse mit Shakespeare-Bezug. Außerdem gibt es eine umfangreiche Shakespeare-Ausstellung, einen üppig ausgestatteten Andenken-Shop, ein Cafe und ein Restaurant mit Themseblick. Ein weiteres, nach alten Plänen von Inigo Jones vorgesehenes Theater mit 330 Sitzplätzen ist auf dem großzügigen Globe-Gelände noch im Bau, ebenso eine Bibliothek. Wenn alle Bauten abgeschlossen sind, werden die Gesamtkosten rund 883 Millionen Schilling betragen. "Shakespeare's Globe" geht auf die Initiative des 1970 von Sam Wanamaker gegründeten "Globe Trust" zurück und entstand mit Hilfe von Sponsorengeldern und Geldern der National Lottery. (APA/dpa)

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