"Zu viel, zu fett, zu süß!"

3. September 2001, 11:52
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Viel zu viele Kalorien haben die meisten Jausen, die Kinder in ihre Schultaschen packen. Fazit: Fast jedes siebente Kind ist bereits zu dick. Prof. Kurt Widhalm, Ernährungsexperte für Kinder am Wiener AKH, sagt im Interview mit mymed.cc, wie sich Ernährungsfehler vermeiden lassen.

Das Interview führte Doris Simhofer

Mymed: Herr Professor Widhalm, woran liegt es, dass die österreichischen Schulkinder immer dicker werden?

Widhalm: Tatsächlich müssen wir feststellen, dass 10 bis 15 % der österreichischen Schulkinder heute zu dick sind. Das ist vor allem natürlich ernährungsbedingt. Die Kinder nehmen einfach mehr Energie auf als sie verbrauchen können. Andererseits ist auch Bewegungsmangel schuld an der Situation. Computerspiele- und Fernsehkonsum verleiten zur Unbeweglichkeit. Ein dritter wesentlicher Punkt ist die soziale Struktur in der Familie. Für die Kinder sind nun einmal die Eltern das stärkste Vorbild, und wenn die wahllos Lebensmittel einkaufen, besteht auch für Kinder die Gefahr der Überernährung. Statt dem Genuss steht dann die Ersatzbefriedigung im Vordergrund.

Mymed: Wofür muss Essen als Ersatzbefriedigung herhalten?

Widhalm: Ausschlaggebend ist die psychische Situation. Fühlt sich ein Kind allein gelassen, kann Essen zur Ersatzbefriedigung werden. Aber auch die Tatsache, dass vor allem die deftigen, energiereichen Nahrungsmittel jederzeit und überall verfügbar sind und außerdem kräftig beworben und aggressiv verkauft werden, übt eine verführerische Wirkung auf ein Kind aus. Man kann sich diesen Einflüssen schwer entziehen, aber die Eltern können dagegen ihre Vorbildwirkung ins Spiel bringen. Das heißt, auf die eigene Linie achten und die tägliche Nahrung mit Bedacht auswählen und zubereiten.

Mymed: Was tun, wenn ein Kind bereits unter Übergewicht oder Fettsucht leidet?

Widhalm: Entsteht der Eindruck, dass das Kind zu rasch zunimmt, sollte man auch frühzeitig professionelle Hilfe beanspruchen. Eltern sollten sich nicht scheuen, einen Arzt zu konsultieren. Eine vernünftige Therapie enthält keinen "Diätplan" im üblichen Sinn, sondern beginnt mit einem Ernährungsprotokoll, um zuerst einmal das Bewusstsein für die eigenen Gewohnheiten zu schaffen. Der nächste Schritt ist dann die gezielte Ernährungs-Schulung.

Mymed: Ab welchem Gewicht gilt ein Kind als "zu dick"?

Widhalm: Wir orientieren uns heute am Body-Maß-Index. Man kann diese Werte zwar schwer verallgemeinern, aber sie geben uns immerhin die Möglichkeit zu unterscheiden, ob ein Kind als übergewichtig oder fettsüchtig zu bezeichnen ist. Wenn das Kind zu rasch zunimmt oder bereits über Atemnot klagt, sollte raschest Hilfe in Anspruch genommen werden. Leider finden es viele Eltern absolut okay, wenn sie ein "gut genährtes" Kind haben, daraus ergeben sich aber später Probleme. In dieser Frage müssen wir noch viel Aufklärungsarbeit leisten.

Mymed: Gibt es allgemein gültige Richtlinien für die ideale Energiezufuhr für Schulkinder?

Widhalm: Die Sache ist viel einfacher, als die meisten Leute glauben. Rein rechnerisch sollten etwa 50 bis 60 Prozent der Energiezufuhr mit Kohlenhydraten gedeckt werden. Wer sich darüber aber nicht bei jedem Bissen den Kopf zerbrechen will, kann sich an einen simplen Grundsatz halten: Mehrmals täglich bewusst Obst, Gemüse- und Vollkornmahlzeiten genießen statt fettes Fast Food oder Süßigkeiten.

Mymed: Herr Professor, wir danken für das Gespräch!



Die Rubrik "Das Interview der Woche" bringen wir in Zusammenarbeit mit unserem Partner

  • Artikelbild
    foto: mymed
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