Das Trauma vom Weißen Berg

1. September 2001, 19:40
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Der Religionsstreit führte zum Aufstand der böhmischen Stände. Ferdinands II. Sieg folgte ein Strafgericht, das Böhmen zur habsburgischen Provinz degradierte.

Nach dem Prager Fenstersturz installierten die protestantischen Stände in Böhmen eine aus 30 Direktoren aus ihren Reihen bestehende Verwaltung, brachen allerdings nicht sofort mit Kaiser Matthias. Bald aber setzten sich jene Kräfte durch, die die Wiederherstellung der Ständefreiheiten und die volle Anerkennung der "Confessio Bohemica", schließlich die Rückkehr zum alten Wahlkönigtum verlangten.

Ihr Anführer war Heinrich Matthias Graf Thurn, den noch Kaiser Rudolf II. zum Burggrafen von Karlstein erhoben hatte, bei dem aber zu seiner protestantischen Überzeugung die persönliche Kränkung durch seine Absetzung von diesem Posten kam. Er stellte ein kleines Heer auf, das bald mit den Truppen zusammenstieß, die der Kaiser unter dem Oberbefehl seines Neffen Ferdinand II., der bereits zum Böhmenkönig gekrönt worden war, gegen die Aufständischen in Marsch gesetzt hatte.

Matthias und sein Ratgeber Kardinal Khlesl waren bereit zu verhandeln, doch als der Kaiser kinderlos gestorben war und Khlesl kaltgestellt wurde, folgte ihm Ferdinand auf dem Thron. Er hatte mit seinen spanischen Vettern einen Geheimvertrag geschlossen, in welchem diese auf Erbansprüche gegen Überlassung von Reichslehen in Italien und im Elsaß verzichteten. Von den Jesuiten zum fanatischen Katholiken erzogen, stand er voll auf der absolut romtreuen spanischen Linie.

Das bestärkte jene Kräfte im böhmischen Adel, die nur in einer Entthronung der Habsburger den Weg zur Ständefreiheit sahen. Als die noch habsburgtreue Landesregierung in Mähren gestürzt worden war, wurde eine Ständekonföderation ins Leben gerufen, der sich auch die oberösterreichischen Stände sowie niederösterreichische Protestanten anschlossen. Thurn stieß im Juni 1619 mit seinem Heer bis vor die Mauern Wiens vor, dem Kaiser wurde durch Abgesandte eine "Sturmpetition" vorgelegt, doch Ferdinand war zu keinen Zugeständnissen bereit. Daraufhin wurde Ferdinand im August 1619 als "Feind der religiösen und ständischen Freiheiten" für abgesetzt erklärt und der calvinistische deutsche Kurfürst Friedrich von der Pfalz zum neuen König Böhmens gewählt.

Ferdinand war entschlossen, den Aufruhr mit aller Härte niederzuschlagen. Friedrich von der Pfalz erwies sich dagegen als völlig hilflos. Die Versuche, bei den protestantischen Fürsten im Reich mehr als nur moralischen Zuspruch zu erlangen, blieben erfolglos. Hingegen sicherte sich Ferdinand die Neutralität Polens und gewann nicht nur die katholischen bayerischen Wittelsbacher, sondern auch den lutherischen Kurfürsten von Sachsen - gegen Verpfändung der Lausitz - als Bundesgenossen. Böhmen war eingekreist. Im Spätsommer 1620 rückten die bayerisch-österreichischen Truppen, ohne auf großen Widerstand zu stoßen, in Westböhmen ein. Vor Prag, am Weißen Berg, kam es am 8. November zur Entscheidungsschlacht.

Zahlenmäßig waren die von Christian von Anhalt kommandierten böhmischen Truppen den Kaiserlichen kaum unterlegen, aber diese waren besser ausgerüstet und geführt. Nach kurzem Kampf zogen sich die Ständetruppen in wilder Flucht in die Stadt zurück. Niemand organisierte dort Widerstand, sondern Friedrich, der als "Winterkönig" in die Geschichte einging, und etliche Aufstandsführer flüchteten. Prag wurde am nächsten Tag kampflos besetzt, und Herzog Maximilian von Bayern ließ sich in Vertretung des Kaisers von katholischen und utraquistischen Adeligen huldigen. Der Widerstand im ganzen Land brach rasch zusammen.

Der Hauptgrund dafür ist, abgesehen von der Untätigkeit des Pfälzers, wohl darin zu suchen, dass die Ständevertreter es versäumt hatten, nach hussitischem Vorbild einen Volkskrieg zu organisieren; dass die Bauern dazu bereit gewesen wären, hatte sich in Südböhmen gezeigt, wo die Kaiserlichen wiederholt von dem von örtlichen Kleinadeligen geführten Landvolk angegriffen worden waren. Die Ständeführer aus dem hohen Adel aber fürchteten offenbar Forderungen, die ihre Untertanen stellen würden, noch mehr als die Habsburger.

Dass sie damit einer schweren Täuschung unterlegen waren, zeigte sich an dem Strafgericht, das nun folgte. Der Kaiser betrachtete sich als Eroberer, der die Aufmüpfigkeit der Stände mit schärfsten Maßnahmen, begleitet von einer gnadenlosen Rekatholisierung des Landes, ein für alle Mal brechen wollte. Zunächst erfolgte die Bestrafung der Rädelsführer, soweit man ihrer habhaft geworden war. Am 21. und 22. Juni 1621 wurden auf dem Altstädter Ring in Prag drei "Herren" (Hochadelige), sieben Ritter und 17 Bürger - Tschechen und Deutsche - hingerichtet. Ihre Köpfe wurden zur Warnung für alle Rebellen auf dem Prager Brückenturm aufgesteckt. Eine Begnadigung zur Galeerenstrafe lehnte Ferdinand ab, doch betete er in der Stunde der Exekution für die "Erleuchtung und Bekehrung" der Todeskandidaten.

Dem Prager Blutgericht, das bei den Protestanten in Deutschland und Nordeuropa große Empörung auslöste und wahrscheinlich ihre Bereitschaft zu gewaltsamem Widerstand stärkte, folgte die Umverteilung des adeligen Grundbesitzes. Die Landesverwaltung wurde in die Hände des Fürsten Karl von Liechtenstein gelegt, der in den Schoß der Kirche zurückgekehrt war. Er stand auch einer Kommission vor, deren Aufgabe die vollständige oder teilweise Konfiskation der Güter von Rebellen war.

In Mähren leitete Kardinal Franz von Dietrichstein die Kommission. In Böhmen wurden 166 Personen ihrer ganzen Habe beraubt; insgesamt wurden dort 680 Personen und 50 Städte, in Mähren 300 Personen mit hohen Vermögensverlusten bestraft. Ein Teil der Güterabgabe erfolgte durch Zwangsverkäufe, bei denen die bisherigen Besitzer durch Währungsmanipulationen zusätzlich geschädigt wurden. Am Ende dieser Maßnahmen waren fast zwei Drittel des Bodens in der Hand neuer Besitzer.

Nutznießer der Strafaktion waren katholische böhmische Adelige wie Liechtenstein selbst, Albrecht von Wallenstein (ebenfalls ein Konvertit) und Ulrich von Eggenberg, der die Rosenberger in Südböhmen beerbte: Aber auch Landfremde wurden vom Kaiser fürstlich beteilt: hohe Offiziere der kaiserlichen Armee und sonstige Günstlinge - damals fassten unter anderen die Familien Trauttmansdorff, Thun, Metternich und Clary in Böhmen Fuß. Die Bistümer und Klöster erhielten ihre vordem eingebüßten Besitzungen zurück. Die Jesuiten übernahmen die Prager Universität.

Der nächste Schritt Ferdinands erfolgte 1624, als königliche Patente erst für Böhmen, dann für Mähren (in Schlesien wurden regionale Ausnahmen geduldet) die katholische Religion zur einzig anerkannten erklärten. Wer nicht zum Konfessionswechsel bereit war, musste auswandern. Als Erste wurden die Wiedertäufer, dann die Brüdergemeinden vertrieben (deren prominentester Emigrant, Comenius/Jan Amos Komensky, trat als richtungweisender Pädagoge für eine Schule als "Werkstätte der Menschlichkeit"ein, er starb 1670 in Amsterdam). Die Massenauswanderung der Protestanten, soweit sie nicht konvertierten, folgte; sie wurde zu einem Aderlass unter der gesellschaftlichen und geistigen Elite Böhmens und schädigte auch das Wirtschaftsleben schwer.

Schließlich setzte Ferdinand II. 1627 mit seiner "Verneuerten Landesordnung" den Schlussstrich. Sie dekretierte die Länder der böhmischen Krone als Teile der habsburgischen Erbmonarchie. Die Mitwirkung der Stände an der Besetzung der hohen Ämter wurde ausgeschaltet. Stärker noch als der Adel wurden die Städte ihrer Rechte beraubt. Weiter wurde die Gleichberechtigung der beiden Landessprachen, Tschechisch und Deutsch, festgelegt, was zur Folge hatte, dass Deutsch als Hof- und Verwaltungssprache allmählich die Oberhand erhielt, welcher sich auch der einheimische Adel anpasste. Hingegen bediente sich die Kirche in den tschechischen Landesteilen der Volkssprache und trug zu deren Überleben in der Literatur bei.

Es wäre in den Kategorien des 19. und 20. Jahrhunderts gedacht, dies als Germanisierungsversuch zu interpretieren. Ferdinand II. ging es vielmehr darum, seine absolute und zentralistische Herrschaft durchzusetzen und im Gleichklang damit seine gegenreformatorische Überzeugung zum Sieg zu führen - wie er es dann auch, vergeblich, im Reich versuchte. Für die nationalbewusste tschechische Geschichtsschreibung aber wurde der Weiße Berg und die Folgen zum Trauma, das die folgenden Jahrhunderte als ununterbrochene Zeit der "Finsternis" (temno) erscheinen ließ. (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 1./2. 9. 2001)

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