Lieblingsplatte der Redaktion:

1. September 2001, 00:44
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"A Camp" von Nina Persson - eine der unterschätzteren Frauen im Pop-Biz

1) A CAMP:

Authentizität? Anders gefragt: kann Euro-Country überhaupt authentisch sein? - Nina Perssons Gefühle sind es mit Sicherheit, und "I Can Buy You" hätte ganz bestimmt zu den auserwählten Songs gehört, die in "The Thing Called Love" [Film. River Phoenix. Samantha Mathis. Hoffe, es erinnert sich noch jemand ...] in Lucys Hall of Fame-Vitrine aufgenommen worden wäre: I can buy you, oh yeah o yeah / but I can't make you do what you don't / and I can hire you, oh yeah oh yeah / but I can't make you love me / I can't make you care ... Einfach macht den Klassiker.

Doch das Leben ist nicht immer ein Film, und Nina Persson - eine der unterschätzteren Frauen im Pop-Biz - hat im Verlauf ihrer Karriere so manchen Untergriff wegstecken müssen. Als Lesbe hat man sie tituliert, als Bimbo, als unbegabt, als verbittert, als drogensüchtig. Und letztlich waren sämtliche Anwürfe auf zwei Ursachen zurückzuführen:

Problem 1: Nina ist blond. Das wurde inzwischen behoben.

Problem 2: ihre Stimme, die scheinbar kein Wässerchen trüben kann. Die hat sie zum Glück nicht ändern lassen.

Made in the USA

A Camps Country kommt freilich nicht von ungefähr, denn Ninas Heimat-Band, die Cardigans, waren stets ausgesprochen amerikophil - bloß hat's die längste Zeit keiner gemerkt. Bis zum letzten Album "Gran Turismo" (1998) zumindest mit all seinen Rock- und Blondie-Anwandlungen. "A Camp" ist deutlich hörbar in derselben Zeit entstanden, lag jedoch fürs erste auf Eis, weil es "Gran Turismo" zu vermarkten galt. Drei Jahre und eine Neu-Abmischung später liegt das Album nun in den Läden.

Einige der Songs ("Frequent Flyer", "Such A Bad Comedown"; ruhig - oder "Hard As A Stone", "The Oddness Of The Lord"; rockig) hätten in der Form ohne weiteres auf "Gran Turismo" unterkommen können, also soll jetzt bloß keiner so tun, als wäre A Camp der totale Soundbruch. Ein Song erinnert sogar ein wenig an die alte Jazzpop-Melancholie von "Emmerdale": "Algebra" mit lange verschütt geglaubten Mellotron- und Celloklängen. Schon im Schmachtfetzen "Silent Night" gesellen sich jedoch Slide-Gitarren den Harfenklängen hinzu und machen die Weihnacht zur amerikanischen.

Interessant übrigens Ninas Intention hinter dem Album: weniger düster als die Cardigans sollte es sein (obwohl es melancholisch genug ausgefallen ist). Das zeigt immerhin den Wandel, den die einstmals so putzigen Cardigans im Lauf der Jahre vollzogen haben müssen - aber wir wollen ja nicht vorgreifen ...

Leben auf der Farm

Bleibt also immer noch der Country. Der ist gewissermaßen Ninas eigenes Ding, da die Jungs ja eher auf Black Sabbath stehen. So richtig eingeschossen ist er ihr, als sie für ein paar Tage die Farm Mark Linkous' - der das Album produziert hat - hüten durfte. Mitten in Virginia, allein mit fünf Hunden, zwei Pferden und zwei Katzen ... den Song "The Bluest Eyes In Texas" der Country-Rocker Restless Heart zu covern, schien der Emmylou Harris- und Gram Parsons-Verehrerin da kein abwegiger Gedanke mehr zu sein. Sie macht es übrigens ganz wunderbar, dito die beiden anderen Covers "Rock'n'Roll Ghost" (von den Replacements) und "Walking The Cow" (Daniel Johnston).

Und die Farm ist genau die richtige Umgebung für eine Frau, die sich auf typisch skandinavische Weise "down to earth" verhält (aller falschen Glamour-Anmutungen speichelnder Journalisten zum Trotz), die sich wie ein Transvestit fühlt, wenn sie mal dazu gezwungen ist, betont feminine Kleidung zu tragen, der Ruhm und Lobeshymnen immer ein wenig peinlich sind - und die nach acht Jahren einer Weltkarriere noch immer nur zögerlich bereit ist, sich selbst "Sängerin" zu nennen. Und das bei einer Stimme, die wie Bernstein schimmert.

[Nebenbei: Nina singt nicht nur und hat die Mehrheit der Lieder selbst geschrieben, sie versucht sich auch an diversen Instrumenten. Die Mundharmonika spielt sie sogar live - nicht übel für das Mädchen, das zu Beginn seiner Cardigan-Karriere bloß mit spezialangefertigten "Maracas light" rasseln durfte, die jeweils nur eine einsame Erbse enthielten ... weil es ihr an Rhythmus-Gefühl mangelte ... ;-) ]

Und, ja, noch etwas gilt es festzuhalten: All die, die drei Uhr morgens noch immer unaufgerissen in Bars herumhängen, haben nun ihre offizielle Hymne gefunden, den "Song For The Leftovers": We made a pretty sight / it seems we've found some pride / in being the first leftovers of the night ... Seufz.

"A Camp" (Stockholm Records 2001)
Anspieltipps: "I Can Buy You", "Song For The Leftovers", "The Bluest Eyes In Texas".

2) THE CARDIGANS:

Zuvörderst die gute Nachricht für panickende Fans der Gruppe: es gibt sie noch. Es wurden sogar bereits die ersten Demos für ein neues Album eingespielt. Aber nochmal zurück ...

Irgendwie sind die Cardigans Zeit ihrer Existenz mindestens soviel gebasht wie gehypt worden. Einerseits mussten sie - sehr zur eigenen Befremdung - als Flaggschiff des schwedischen Pop-Wunders der 90er Jahre herhalten, andererseits regnete es mit jedem Album neue Kritikpunkte. "Emmerdale" (1994) galt als "schwierig", "Life" (1995) als "Kitsch", "First Band On The Moon" (1996) wegen der "Lovefool" & "Romeo and Juliet"-Kiste als "Ausverkauf" ... ja und dann kam 1998 mit "Gran Turismo" die Rockifizierung, die die Band ihr japanisches Stammpublikum kostete. Schluss mit goldig.

Dabei ... wenn man die Cardigans von ihren Anfängen als Schülerband an über die Jahre hinweg mitverfolgen konnte, war man davon wenig überrascht. Denn mit jedem einzelnen Auftritt rauten sie sich ein wenig auf und wagten sich ein paar Zentimeter weiter in den Rock hinaus - eine Entwicklung, die sich nach dem Welterfolg von "Lovefool" samt daraus folgender Ein-Jahr-Nonstop-Tour noch deutlich beschleunigte.

Und diverse Black Sabbath-Coverversionen waren keinesfalls der Gag, für den sie viele zunächst noch hielten ... herausragend dabei eine Geschwister Pfister-artige mehrstimmige A cappella-Version von "Mr. Crowley". Wofür B.S.-Fans sie freilich eher hassen.

Chronik eines (abgesagen) Zerfalls

Vor zwei Jahren folgte die letzte Neuveröffentlichung, das Talking Heads-Cover "Burning Down The House" mit Tom Jones, dann nichts mehr. Die jahrelange WG der Bandmitglieder wurde aufgelöst, Nina zog nach New York, die Fans wurden nervös.

Solo-Projekte traten in den Vordergrund. Nina hatte ihre charakteristische Stimme schon des öfteren ausgeliehen, hat mit diversen schwedischen Bands Songs aufgenommen (Flesh Quartet etwa oder die norrländischen Hardcoreler Ray Wonder) und sich auf Samplern verewigt. Im Soundtrack zum US-Independent-Movie "First Love, Last Rites" singt sie ein "Appalachian Lullaby" - Country auch hier schon ...

Die Jungs der Band verlegten sich eher aufs Produzieren. Letzter großer Coup dabei: Titiyo aus dem halbschwedischen Cherry-Clan. Daheim eine altgediente Soulsängerin, hat sie mit Produzentenhilfe von Peter Svensson nun den Sprung zum internationalen Erfolg geschafft. Svensson hat vor einigen Jahren auch gemeinsam mit Bengt Lagerberg und Musikern der befreundeten Gitarrenbands Eggstone und Kent das Album "Paus" aufgenommen, eine angenehm meditativ geratene Mischung aus Folk, Blues und Rock. Und sehr amerikanisch im übrigen. Das nächste Solo-Projekt ist für den Herbst zu erwarten: Magnus Sveningsson veröffentlicht seine CD als "Righteous Boy".

Bereits zuvor kursierten die Gerüchte um das kommende Solo-Projekt Nina Perssons. Dann Ninas Aussage im Februar dieses Jahres, die Cardigans liegen vorerst auf Eis ... Sie stand nun im Mittelpunkt des Interesses, erst durch ihre Hochzeit mit dem Ex-Punk Nathan Larson aus Washington D.C. und dann den ganzen Sommer über durch die erste Auskoppelung aus dem Album. Die Musikpresse Schwedens machte die Welle ... und die allgemein erwartete endgültige Auflösung der Cardigans blieb aus, zumindest wenn man den Interview-Aussagen der Band-Mitglieder Glauben schenken darf. Genannter Zeitraum, in dem das nächste Cardigans-Album erscheinen soll: 2002. Na bitte. (Josefson - Lieblingsplatte der Redaktion)

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