Der Erde verlorener Sohn

31. August 2001, 21:34
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Vor 100 Jahren wurde der Lyriker Wilhelm Szabo geboren

Wenn einer 1933 seinen ersten Gedichtband Das fremde Dorf nannte, dann war das Programm. Während ringsum Dichter aus der Stadt das heilbringende Landleben besangen, beschwor und verwünschte Wilhelm Szabo das "Gefängnis Dorf" vom Standpunkt des Eingeschlossenen. "Verdammt das Amt, das mich hier hält / Gefangen sieben Jahre lang! / Vergebens hoff ich, daß der Wald zerfällt, / Vergebens wart ich auf der Dörfer Untergang." Das Amt, das ihn in den Grenzdörfern des Waldviertels, in Siebenlinden und Unser Frau am Sand gefangen hielt, war das des Volksschullehrers. Für Szabo, der gleich nach seiner Geburt in Wien von seinen Eltern, einem Musikerpaar, in Pflege gegeben worden war und bei bitterarmen Zieheltern in der Nähe von Gföhl aufwuchs, bedeutete der Beruf einen sozialen Aufstieg. "Da ist eine Sorte Armut, die wird mit dir geboren. / Unaufhebbar ist sie und nicht zu tilgen durch Fülle", sollte er später sagen.

Wilhelm Szabo kannte das Milieu der Kleinhäusler und Bauern von klein auf und war doch dort, wo er die wilden Zwanziger in der Sehnsucht nach der Stadt, nach intellektuellem Umgang und nach Frauen verbrachte, ein Außenseiter: "Mein Mund verschweigt den trunkenen Ton. / Ich kose nicht das Land mit süßem Blick. / Ich bin der Erde verlorener Sohn. / Ich finde nicht zurück." Seine Bauern taugen nicht zum ständischen Leitbild, sie sind die "großen Höhner", heuchlerisch und heidnisch, ohne Gottesfurcht. Dem Ich dieser Gedichte gibt das Leben im Dunstkreis der Scholle weder Halt noch Mitte, es glaubt sich vielmehr "verschollen", in Auflösung begriffen, von einer ungerührten Natur verschlungen: "Denn meine Seele wird ein Dorf, das Moor und Dorn verwächst." Aus der existenziellen Not machte Szabo die Tugend des wahrhaftigen Sprechens. Die lyrische Einfalt, der lapidare Ton und die schlicht-verblüffenden Bilder maß er dem hier Verhandelten an. Eine arme Sprache für einen, der sie in den Dienst der Armen stellen wollte. Zeit seines Lebens haderte das "Niemandskind" mit der eingefleischten Erfahrung des Minderwertigseins, mit seinem Autodidaktenschicksal und seiner Neigung zu subalterner Unterordnung.

Politisch war Szabo nach heutigen Begriffen ein Linkskatholik, einer, dem auf dem Lande nichts übrig blieb, als sich in die christliche Gewerkschaft und später in die Vaterländische Front einzufügen; nur so gelang ihm der Wechsel an die Hauptschule. An Dollfuß als den Retter des Vaterlands glaubte er - wie Karl Kraus oder Ernst Krenek - freilich wirklich. Nach dem Anschluss wurde Szabo, auch wegen seiner jüdischen Frau Valerie, aus dem Staatsdienst entlassen und fand als Organist und Holzfäller im Stift Zwettl Unterschlupf. Obwohl als Regimegegner abgestempelt, konnte er 1940 eine erweiterte Ausgabe seiner Gedichte unter dem Titel Im Dunkel der Dörfer veröffentlichen, die es auf erstaunliche fünf Auflagen brachte: Josef Weinheber hatte mit einer nachdrücklichen Empfehlung nachgeholfen. Trotz seiner Verehrung für Weinheber (wie für Trakl und Kramer!) hat Szabo mit dessen politischer Prostitution abgerechnet, allerdings erst postum und in allzu passenden tönern tönenden Versen. Mit Das Unbefehligte (1947) bezog Szabo im rot-weiß-roten Einheitsbrei der Nachkriegszeit dennoch eindeutig Position gegen die Scheinheiligkeit der Gewendeten und verlor so manchen Freund.

Vom hohen Ton fand er bald wieder zurück zur Erde, zum Dorf, zum Ausgedingler, zum "abgehausten" Bauern, zum Bettler. Seine Verse galten dem Vogelfreien, dem der Dunkelheit ausgesetzten Menschen schlechthin: "Ihr fragt nach der Sippe / nach Stamm und Gesind: / Mein Urahn der Regen, / mein Vorfahr der Wind." Die Veränderungen auf dem Land beobachtete Szabo kritisch und, trotz seines Jugendtraumas, wehmütig; er vermisste die Drescher und Dengler, die Kornmandeln und die Zugochsen: Landnacht heißt ein Band der Sechziger. Nur logisch, dass Szabo Neidharts Lieder ebenso kongenial nachgedichtet hat wie Sergej Jessenins todtraurige Dorfgedichte: Trauer der Felder (1970) ist das ehrlich naive und durchaus ebenbürtige Gegenstück zu Celans Jessenin-Übertragung.

Wilhelm Szabo war kein Verkannter. Er bekam 1954 den Trakl-Preis, er führte lange, offen für alles Neue, die Feder bei der Literaturzeitschrift podium. Sein halbes Jahrhundert Vorsprung auf die Antiheimatkunst geriet ihm jedoch im Betrieb zum Handicap. Nach seiner Pensionierung als Hauptschuldirektor von Weitra und seinem Umzug nach Wien galt er als honoriger Vertreter des Gestern. Als er 1986 starb, war sein Name nur mehr Eingeweihten ein Begriff. Heute ist seine Stimme im österreichischen Kanon kaum vernehmbar. Seine Bücher waren bis vor kurzem vergriffen - nun erscheinen zwei Auswahlbände in Richard Pils' Bibliothek der Provinz. Man sollte auf Hans Lebert hören: "Verehrter Wilhelm Szabo, Sie sagten einmal, Sie hätten gern ,Die Wolfshaut' geschrieben. Ich hätte gern Ihre Gedichte geschrieben."
(Von Daniela Strigl - DER STANDARD, Album, 1.09.2001)

Wilhelm Szabo, Dorn im Himbeerschlag - Zwielicht der Kindheit. Autobiographische Prosa. öS 248,-/ EURO18,02/ 160 Seiten. Bibliothek der Provinz, Weitra 2001.

Wilhelm Szabo, Schwärzer schatten die Wälder. Lyrik. öS 248,- /EURO25,29/ 160 Seiten. Bibliothek der Provinz, Weitra 2001.

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