Hans Dichand schenkt den Wienern eine Stadt

31. August 2001, 19:40
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Die neuen Gasometer wurden gleich zweimal eröffnet

Wien - Man war dankbar. Schließlich, waren sich einflussreiche Rathäusler einig, "hätte er ja auch beschließen können, dass ihm das - wie beim Museumsquartier der Leseturm - nicht gefällt. Dann hätten wir es schwer gehabt." Aber er war gnädig: Hans Dichand mag die Gasometer. Immer schon. Darum ließ es sich Wohnbaustadtrat Werner Faymann (SP) Donnerstagabend bei der VIP-Eröffnung der vier Simmeringer Backsteinzylinder auch nicht nehmen, dem Chef der Kronen Zeitung dafür zu danken.

Der alte Mann nahm die Huldigungen gerne entgegen: Auch wenn er angeblich lieber seinen Hund streichelt als Macht auszuüben, ist eine Vorführung der realen Verhältnisse hin und wieder nett. Noch dazu vor ein paar Tausend wichtigen Leuten.

Außer ein paar Kindern ("Mama, was ist an dem Shoppincenter da so besonders?") zeigten die sich dem Anlass entsprechend würdig und stolz: "Ein neues Wahrzeichen für Wien", freute sich Bürgermeister Michael Häupl - und wiederholte dies auch am Freitag, als die Gasometer-Shoppingmall für das Volk eröffnet wurde.

Dieses blickte ergriffen in den Himmel schwebenden Luftballons nach, drängte zu Gratisbrezel und Gewinnspiel und freute sich an den Gasometer-Sonderbeilagen diverser heimischer Medien.

Die vernichtende Kritik deutscher Zeitungen blieb draußen: Die Zeit merkte etwa an, dass die hier realisierte Idee des "Urban Entertainment Centers" überall angedacht, aber nirgendwo verwirklicht worden sei: "Selbst im Osten (wollen) viele Leute die immer gleichen Fix-und-Fertig-Paradiese nicht mehr sehen." Die Architektur sei "kläglich und kleinkariert". Aber das, was auch die FAZ als "Enge" erkennt, heißt in Wien eben offiziell "kommunikative Wohnungen".

Milliardenbaustelle

Aber die Deutschen sind nur neidig: Die Gasometerbaustelle war schließlich größer als die am Potsdamer Platz in Berlin, berechneten die Wiener Baustellenbetreiber. Die müssen es schließlich wissen, denn sie haben um 2,5 Milliarden Schilling 60.000 m³ Aushubmaterial verladen und weggebracht, dafür 42.000 m³ Beton, elf Tonnen Stahl und Tausende Fenster und Türen verbaut.

Daraus wurden: 605 Wohnungen, 247 Plätze im Studentenheim, Büros, eine Veranstaltungshalle samt Gastronomie, ein Kindertagesheim, neue Räume für das Landesarchiv. Und wie in jeder in letzter Zeit erbauten größeren Wohnanlage wurde auch hier für die beliebteste Freizeitbeschäftigung der Bürger und Bürgerinnen vorgesorgt: zum Geldausgeben gibt es die obligate Shoppingmall - mit all jenen bekannten Markengeschäften, die es jetzt halt auch in Simmering gibt. (aw, rott/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.9.2001)

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