Ein Stich zurück

31. August 2001, 19:53
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Die Frau auf der Anklagebank ist 44. Ihr linkes Handgelenk ist einbandagiert. Das war der dritte Selbstmordversuch während der Untersuchungshaft. - Misslungen wie alles, immer. Auf dem Pult vor ihr liegt ein Stoß Papiertaschentücher. Sinnlos. Was wollen sie wegwischen? Der Richter will höflich und respektvoll sein. "Sie können jetzt ein bisschen etwas von Ihrer Vergangenheit erzählen", sagt er. Sie schweigt.

Mit 13 wurde Beate von ihrem leiblichen Vater vergewaltigt. Mit 15 zog sie von daheim aus. Mit 16 heiratete sie ihren ersten Schläger. Gegenwehr? Nie gelernt. Keine Abwehrkräfte. Immer nur warten, bis das Elend von alleine aufhört, bis die alten Wunden heilen (damit neue aufgerissen werden können). Immer nur hoffen, dass einmal alles besser wird. Zwei Kinder kamen zur Welt - und ins Heim. Mit 25 zerbrach die Ehe. Mit 31 begann die zweite. Er war Alkoholiker und jederzeit gewaltbereit. Drei Kinder - ab ins Heim. Nichts, woran sie (sich) festhalten konnte.

Andi, der Dritte, war anders. - Zwei Wochen lang. "Dann hat er durchblicken lassen, wie er wirklich ist", sagt die Angeklagte. Wie seine Vorgänger. Eine Flasche Wodka in der Früh, eine Tracht Prügel am Abend. "Warum haben Sie ihn nicht rausg'schmissen?", fragt die Staatsanwältin. Was für eine Frage. Warum ist Beate heute Mordangeklagte und nicht Staatsanwältin? - "Was war an ihm, dass Sie das ertragen haben?" - "Nichts war an ihm. Ich hab' ihn geliebt", flüstert sie. "Was haben Sie an ihm geliebt?", fragt die Klägerin. - Seine Reue. Seine Versprechungen, dass alles gut wird. Sie hielten höchstens ein paar Tage.

Am 10. März war er stark alkoholisiert und schlug besonders kräftig zu. Beate wimmerte Hilferufe auf ein Tonband der Polizei. Die wussten die Adresse nicht. Sie flüchtete in die Küche und nahm ein Brotmesser in die Hand. Sie erinnert sich: "Bist deppert?", hat er gefragt. Und er hat sie angegrinst. Dann hat sie zugestochen, einmal, tief in die Brust. Und sie hat das Messer wieder herausgezogen. Er hat das Hemd ausgezogen. Die Wunde hat stark geblutet. "Ich ruf' die Rettung", hat sie gesagt. "Keine Rettung, sonst setzt's was!", hat er geantwortet. Dann hat er sich niedergelegt. In der Nacht war sein Körper kalt. Da wusste sie, dass sie ihn umgebracht hat. Fünf Tage verbrachte sie neben ihm. Sie konnte sich nicht trennen. Nicht einmal dann.

Beate wird wegen Totschlags, Mord "in einer allgemein begreiflichen heftigen Gemütsbewegung", zu fünf Jahren Haft verurteilt. "Ich vermisse ihn", sagt sie. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.9.2001)

Von Standard- Redakteur Daniel Glattauer
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