Die neue Harmlosigkeit

31. August 2001, 21:23
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Es kann die Erschöpfung angesichts des endenden üppigen Salzburger Festivalsommers nicht so groß sein, dass einen nicht schon jetzt Sorge bezüglich der neuen Ära überkäme. Denn noch bevor der erste Ton erklang, sind die Signale des neuen Intendanten Peter Ruzicka alarmierend.

Mag man die Aussage über das Ende des Mortierschen Dekonstruktivismus als Absage an plakativen Missbrauch von Werken für eitle Abrechnungen mit konstruierten Feindbildern gutheißen, so ist der Hinausschmiss des Zeitfluss-Festivals eine klägliche erste Tat. Mit dem Verzicht auf Zeitfluss, das den Salzburger Festspielen zu einem modernen Flair mitverholfen hat, wird wertvolles Kapital verschleudert, das später wohl mühsam wieder zu erarbeiten sein wird. Falls man dies überhaupt will.

Bei Machiavelli heißt es, man solle gleich zu Beginn seiner Amtszeit die ärgste Grausamkeit begehen, um sich Respekt zu verschaffen. Ruzicka hat sie begangen, Respekt wird sie ihm nicht verschaffen. Höchstens bei der FPÖ, die Zeitfluss nur zähneknirschend akzeptierte. Wir gratulieren zu jenem Applaus, der Ruzicka hoffentlich peinlich ist! Falls er nicht doch insgeheim plante, auf diese Weise einen unappetitlichen provinziellen Konservativismus milde zu stimmen.

Sollte die Ursache dieses ersten Fehlers indes in der Auffassung begründet sein, ein Intendant habe Verantwortung für das Ganze zu tragen, so darf man einwenden, dass vermehrter Einsatz von Kreativität, auch wenn es nicht die eigene ist, keine Schande gewesen wäre. Zu spät. Im Lichte dieser Entscheidung lösen überdies Engagements wie jenes des nicht mehr auf Weltniveau singenden José Carreras zusätzlich Kopfschütteln aus. Drohen in Salzburg neue Harmlosigkeit und Mittelmaß? Man möge uns positiv enttäuschen!

(DER STANDARD, Print, 1.09.2001)

Ljubisa Tosic

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