Im Faltenwurf des Sagenhaften

31. August 2001, 19:07
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Hans Zender vertont das Hohelied Salomos

Salzburg - Fast fühlte man sich im Kleinen Haus in gute alte Donaueschinger Musiktagezeiten zurückversetzt: zwei vokale Solostimmen (Julie Moffat, Matthias Klink), eine - ebenfalls aus früheren Tagen wohl bekannte - Solo- und Piccoloflötistin (Roswitha Staege), ein Posaunist (Uwe Dierksen), das SWR Vokalensemble Stuttgart sowie das bis zum heutigen Tag für Donaueschingen haftende SWR-Sinfonieorchester zu Baden-Baden (und Freiburg) auf dem Podium, dazu Live-Elektronik und Keybord/Synthesizer: der ganze Apparat des Avancierten aus dem partiellen Geist des Gestrigen unter der Leitung von Sylvain Cambreling, Chefdirigent des Gastorchesters, dem man völlig zu Recht den Europäischen Dirigentenpreis als Anerkennung für seine Verdienste um die Musik der Gegenwart verliehen hat. Was wäre schließlich die Musikszene unserer Tage, gäbe es nicht Charaktere wie ihn, für die komplizierte, schwierig zu dechiffrierende Partituren nicht nur ein bezahltes Ärgernis, sondern ein echtes Anliegen sind.

Mit Hans Zenders anspruchsvoller Vertonung des König Salomo zugeschriebenen Hoheliedes brachte Cambreling zum Ausklang des Landesmann-Dezenniums ein fesselndes Zeugnis subjektiver Geschichtsschreibung in einer ebenso feingliedrigen wie kräftigen musikalischen Umsetzung nach Salzburg.

Dem Hörer wird Zenders musikgeschichtliche Wühlarbeit im weiten Faltenwurf des Sagenhaften und des Moralphilosophischen insofern erleichtert, als dieser dem Lied der Lieder (Shir Hashirim) klar gezeichnete musikalische Gestalten mitgegeben hat, gewissermaßen klangleibhaftige Leitmotive. Hier nun erneut wäre das Verdienst Cambrelings herauszustreichen, das Ensemble so wach zu erhalten, dass sich Zenders wundersames Altertumsgebäude wie eine helle, lichtdurchflutete Architektur von heute erschließt. - Ein wichtiger Festspielabend, dessen Kosten man am besten im Sinne essenzieller Bereicherung bilanzieren sollte.

(DER STANDARD, Print, 1.09. 2001)

Peter Cossé

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