Statisten im Spiegelbild

31. August 2001, 19:39
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Wiener Oper: Richard Hamilton gestaltete den Eisernen Vorhang für die Saison 2001/02

Eine Fake-Innenansicht der Mailänder Scala wird dem Wiener Opernpublikum in der künftigen Saison entgegenblicken. Solange der eiserne Vorhang zubleibt. Der britische Künstler Richard Hamilton übernahm dessen temporäre Gestaltung.

Wien - John Cage oder die Beatles hatten schon die Ehre mit ihm. Und nun auch die Oper! Richard Hamilton, der große alte Mann der britischen Kunst, spuckt seine großen Töne nicht in Noten, sondern in Bildern. Hintersinnig und vielseitig: Von seiner kleinen Collage etwa, Just what was it that made yesterdays homes so different, so appealing? (1957), leitet sich nichts Geringeres als die Pop-Art ab ("POP!" auf dem Schläger eines Bodybuilders). Andererseits frappiert der Künstler mit seinen in allen möglichen Lesarten interpretierbaren Politkommentaren zum Irland-Problem oder zum Golfkrieg. Dada-Humor schwingt bei Hamilton mit und Referenzen an eines seiner bedeutendsten künstlerischen Vorbilder, Marcel Duchamp.

Auf dessen Untertitel für sein Werk "Großes Glas" namens Retard en Verre (Verzögerung in Glas) bezieht sich Hamilton mit Retard en Fer (Verzögerung in Eisen) bei der Neugestaltung des eisernen Feuerschutzvorhangs in der Wiener Staatsoper. Kaum ein Opernbesucher wird (leider) Duchamp kennen, aber ein Spiegelbild allemal: In der nach Kara Walker, den Hohenbüchler-Schwestern und Matthew Barney vierten, wie immer vom museum in progress und der Trägergemeinschaft artpool organisierten und finanzierten Tranche des modernisierten Vorhangs, unter dem offensichtlich lang haltbares Eisen lauert (Die Macht der Musik von Rudolf Eisenmenger), hält Hamilton den Opernbesuchern bis Ende der Spielsaison (Juni 2002) einen Spiegel vor.

Nämlich das nachkolorierte Foto des Inneren eines Opern- hauses samt Orchestergraben, bevölkert bis auf den letzten Platz. Der sprachverliebte und -begabte Künstler, mit Wien in Ecke Bonks Typosophischer Gesellschaft verbandelt, vergleicht diese Situation mit einem Palindrom und verweist auf ein gleichnamiges Spiegel-Selbstporträtfoto von 1974.

Aber es wäre nicht Hamilton, wenn er den Vorhang bloß in die dritte Dimension erweiterte. Das Riesenfoto stellt die Mailänder Scala dar, die unmittelbare Konkurrentin der Wiener Oper. Hamilton hat die Scala noch nie von innen gesehen, bemerkte bei Mailandbesuchen aber, dass meist ein und dasselbe Foto als Quelle für alle Scala-Ansichtskarten verwendet wurde. Alles Fake, denn mit großem Aufwand produzierte man damals die Aufnahme - und statt Opernliebhabern saßen Statisten auf den Plätzen. "I've been haunted by that photography", bekennt Hamilton.

Eine sehr eigenwillige, subtile (Musik-)Geschichte mit Nachhall, in der keine offenkundigen Meinl-Mohren schwarz-weiß nach Gerechtigkeit schreien.

(DER STANDARD, Print, 1.09.2001)

Doris Krumpl

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