USA waren über Genozid in Ruanda voll informiert

31. August 2001, 16:32
8 Postings

Geheimdokumente freigegeben

Kigali/Wien - Die USA haben bisher geheime Dokumente freigegeben, die belegen, dass Washington über die Hintergründe des Völkermords in Ruanda im Jahr 1994 von Anfang an voll informiert waren. Die US-Regierung versuchte in allen offiziellen Dokumenten monatelang den Terminus Genozid zu vermeiden, weil das die Vereinigten Staaten zum Eingreifen gezwungen hätte. Grundlage für ein Engagement der USA wäre eine UNO-Völkermord-Konvention aus dem Jahr 1948 gewesen, die den Unterzeichnerstaaten die Pflicht auferlegt, einem drohenden Völkermord entgegenzutreten und diesen zu verhindern.

Hunderte Seiten von Dokumenten, die das "National Security Archive" diese Woche der Öffentlichkeit präsentierte, belegen, dass die USA exakt das Ausmaß der sich abzeichnenden Tragödie einschätzen konnten und trotzdem nichts gegen den Völkermord unternahmen. "Jetzt haben alle Spekulationen über die Möglichkeiten der USA ein Ende", erklärte William Ferroggiaro, der Chef des nationalen Sicherheitsarchives, dass in der George Washington Universität eingegliedert ist: "Die mittlere Beamtenhierarchie des US-Regierung war voll informiert, doch die leitenden Beamten unternahmen nichts."

Außer den USA werden noch die Vereinten Nationen, Belgien als ehemalige ruandesische Kolonialmacht, Frankreich und die katholische Kirche für die damalige Untätigkeit kritisiert. Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton kam allerdings einer Entschuldigung ziemlich nahe, als er 1998 bei einem Staatsbesuch in Ruanda erklärte, "man habe nicht genug getan" und "hätte mehr tun können, um das Gemetzel zu verhindern".

Erweiterte Vorwürfe Die ruandesischen Regierungsbehörden erweiterten diese Woche den Vorwurf der Untätigkeit gegenüber "allen westlichen Staaten". "Alle Staaten, die Botschaften in Ruanda unterhielten, waren über das Ausmaß des Schlachtens informiert", erklärte Charles Muligande, der Generalsekretär der regierenden "Patriotischen Front" Ruandas. Muligande forderte, dass dieser "Betrug am ruandesischen Volk" nun durch Hilfsmaßnahmen des Westens gemildert werden sollte: "Man sollte uns helfen, die Wunden der Vergangenheit heilen zu lassen."

Nach einem Untersuchungsbericht der Vereinten Nationen töteten Angehörige der Bevölkerungsgruppe der Hutu von April bis Juli 1994 systematisch zwischen 500.000 und 800.000 Menschen, überwiegend Angehörige des Tutsi-Volks. Die Opfer wurden von marodierenden Hutu-Banden mittels Computerlisten aussortiert und größtenteils mit Macheten erschlagen. Der Blutrausch, der das Land damals erfasste, war in Afrika bisher beispiellos. (DER STANDARD, Print, 1.9.2001)

Share if you care.